Anna Oberle-Brill

Profitiert die deutsche Wissenschaft vom amerikanischen Braindrain?

Aktuelles aus der Wissenschaft

Die USA sind das wichtigste Gastland für internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) im November letzten Jahres vermeldete. Aktuellere Studien sind noch in Auftrag. Klar ist aber, dass sich die Arbeitsbedingungen im amerikanischen Wissenschaftssystem, seit der Erhebung, grundlegend geändert haben. Budgetkürzungen und Stellenabbau: Die Trump-Administration greift enorm in die dortige Wissenschaft ein.

Hier könnte Deutschland als zweitbeliebtestes Gastland für internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum Zuge kommen und vom Braindrain, also der Abwanderung von Fachkräften aus Amerika, profitieren.

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Dennoch arbeiten momentan noch viele deutschsprachige Personen im Wissenschaftsbereich der USA. Die Vorbereitung einer Rückkehr deutschsprachiger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Amerika, ist eine Aufgabe von Anna Oberle-Brill, Programmdirektorin des German Academic International Network (GAIN). Im Interview verrät Sie, wie Sie die Lage vor Ort einschätzt, warum Deutschland vor allem von internationalem Wissenschaftspersonal profitieren kann und was sich im deutschen Wissenschaftssystem ändern müsste, um attraktiver für amerikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu werden.


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Beginnen wir von vorn: Was ist GAIN genau?

Anna Oberle-Brill:GAIN steht für German Academic International Network und richtet sich an international mobile Postdocs. Außerdem ist GAIN eine Gemeinschaftsinitiative der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und der Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH), welche vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert wird. Der Konsortialführer ist der DAAD und somit auch mein direkter Arbeitgeber. Ich arbeite aber sehr eng mit allen drei Förderorganisationen zusammen, um das GAIN-Netzwerk zu leiten und zu gestalten.“

Ich arbeite als Wissenschaftlerin in den USA: Kann ich vom GAIN-Netzwerk profitieren?

Anna Oberle-Brill: „Auf jeden Fall. GAIN ist ein Netzwerk für international mobile Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in der Postdoc-Phase, die ursprünglich aus Deutschland sind und dann im Zuge eines Postdoc-Fellowships oder Stelle in die USA oder Kanada gekommen sind. GAIN ist kurzgefasst eine Einladung für diese Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich hier mit Personen in einer ähnlichen Situation zu vernetzen und Kontakte zum Wissenschaftsstandort Deutschland aufzubauen oder zu vertiefen. Dazu gehören ein monatlicher Newsletter, lokale Stammtische, Onlineworkhsops, ein Social Media Angebot und unsere jährliche Tagung. Unser Fokus liegt auch darauf diese Personen zu finden und auf unser Angebot aufmerksam zu machen. Das ist leicht bei Personen, die über unsere Partnerorganisationen gefördert werden, diese bekommen ganz automatisch unsere Einladungen. Genauso wichtig ist es aber sogenannte free floater persons zu finden, also Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich ihre Postdocstelle selbst organisiert haben.“

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Wie sieht das Angebot genau aus?

Anna Oberle-Brill: „Unser übergeordnetes Ziel ist es über den Forschungsstandort Deutschland zu berichten und zu vernetzen, also über wissenschaftspolitische Entwicklungen, aber auch über Dinge wie Exzellenzstrategien, Tenure-Track-Professuren oder Entwicklungen an Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Der Sinn ist es Personen, die gerade nicht am Forschungsstandort Deutschland vor Ort sind, auf dem Laufenden zu halten. Das Ziel ist, dass diese nächste Karriereschritte besser planen können. Wir teilen dazu zum Beispiel Stellenausschreibungen und organisieren lokale Wissenschaftsstammtische mit der Organisation Guidance, Skills & Opportunities for Researchers (GSO). Diese finden vor allem an Orten wie Boston, New York, San Francisco oder Berkeley statt, an denen sich viele deutsche Postdocs sammeln. Gleichzeitig organisieren wir auch eine jährliche Tagung mit verschiedenen Programmpunkten.“

Was können Postdocs von der Tagung erwarten?

Anna Oberle-Brill: „Am wichtigsten ist erstmal die Frage, wie man an der Konferenz teilnehmen kann. Wenn man über eine der Mitgliederorganisationen entweder die DFG, den DAAD oder die AvH sein Postdoc-Fellowship absolviert, wird man automatisch eingeladen. Ansonsten kann man sich als free floater für eins unserer Teilnahmestipendien bewerben. Für das Tagungsprogramm machen wir einen call for proposals, auf den sich Personen, die den Forschungsstandort Deutschland repräsentieren, mit Workshopideen bewerben können. Wir, als GAIN-Geschäftsstelle suchen dann mit den Partnerorganisationen zusammen die konkreten Workshops aus, die auf interaktive, informative und innovative Weise die Bedarfe der Postdocs am besten ansprechen.“

„Wir hatten dieses Jahr 461 konkrete Jobangebote.“ – Anna Oberle-Brill

Anna Oberle-Brill: „Auf der Konferenz findet im Wechsel zu den Workshopblöcken die sogenannte talent fair statt, auf der Institutionen an Ständen Postdocs informieren und beraten. Dieses Jahr waren 121 Institutionen aus Deutschland vertreten. Das ist ein Rekord! Um die Ziele der Tagung bestmöglich zu erreichen, bieten wir den Postdocs vor der Tagung einen Vorbereitungsworkshop an. Der digitale Workshop bietet einerseits Hilfestellungen zu Nutzung der Konferenzplattform und ermöglicht andererseits die Erarbeitung individueller Elevator Pitches. So kann man sich ganz gezielt Ansprechpartner suchen und Termine vorab vereinbaren. Das funktioniert auch genauso von der Seite der Institutionen, die auch Zugriff zu den hochgeladenen CVs der Postdocs haben. Dieses Angebot wird wirklich gut angenommen. Wir hatten dieses Jahr 461 konkrete Jobangebote, die im System hochgeladen wurden und auf der Tagung finden ja noch mehr Gespräche statt. Wir finden es sehr wichtig, dass sich beide Seiten ordentlich auf die Konferenz vorbereiten, weil wir so viel Vernetzung wie möglich erreichen wollen.“

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Anna Oberle-Brill: „Besonders geschätzt wird an der Tagung auch, dass es zur Vernetzung und Austausch zwischen Postdocs und Vertretungen auf Leitungsebene (z.B. Universitätsleitungen) kommt. In interaktiven Workshops im World Café Format profitieren die Postdocs. So sitzt z.B. an jedem Tisch eine Leitungsperson und die Teilnehmenden haben die Chance zu hören, wie diese aus dem Nähkästchen plaudern und Tipps zu Themen wie Berufungsverfahren teilen. Auf der anderen Seite profitieren aber auch die anreisenden Vertreterinnen und Vertreter der deutschen Forschungseinrichtungen und der Politik. Das finden wir sehr wertvoll. Nach Gesprächen mit den Postdocs nehmen auch eben auch die Entscheider Impulse und Verbesserungsvorschläge mit nach Hause.“

Stichwort brain drain: Ist es das Ziel amerikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach Deutschland zu holen?

Anna Oberle-Brill: „Dieses Jahr hat uns das Bundesministerium erstmalig dazu eingeladen die Tagung auch für internationales oder englischsprachiges Publikum zu öffnen. Diese Zielgruppe war in den letzten Jahren nur am Samstagnachmittag auf die Konferenz eingeladen. Das sah in der Praxis so aus, dass wir Postdocs oder Promovierende aus der lokalen Gegend der Tagung für den Samstagnachmittag eingeladen haben relativ kostenneutral an der Tagung teilzunehmen. An diesem Nachmittag gab es dann Tagungsprogramm auf Englisch. Zum Beispiel zu research in Germany, also die basics, wie Forschung in Deutschland finanziert wird, welches Fördermöglichkeiten es gibt und was außeruniversitäre Forschungseinrichtungen sind.“

Anna Oberle-Brill: „Dieses Jahr war es uns jetzt das erste Mal möglich ein Teilnahmestipendium für 50 Internationals zu vergeben. Dazu haben wir unser Tagungsprogramm so umgestellt, dass wir zu jedem time slot mindestens zwei Workshops auf Englisch zur Auswahl hatten. Das ist sehr gut angekommen. Man hat gesehen, dass das Interesse auch in dieser Gruppe sehr groß ist.  Dabei muss man aber sagen, dass der Großteil der nicht-deutschsprachigen Gruppe nicht unbedingt US-Amerikaner waren. Der Großteil waren Personen aus Drittstaaten, die eben dieselben Fragen wie die deutschen Postdocs haben: Was passiert mit meinem Visum? Wie sicher ist meine Forschungszukunft in den USA? Da waren wir sehr froh, dass wir die Möglichkeit hatten zu zeigen, dass Deutschland auch für diese Gruppe eine interessante Option sein kann.“

Die Situation für amerikanische Wissenschaftler ist momentan angespannt – Inwiefern hat das die Konferenz beeinflusst?

Anna Oberle-Brill: „Eines der wichtigsten Themen war natürlich die politische Situation in den USA, allen voran die Budgetkürzungen, die ganz viele Forschungseinrichtungen betreffen und die damit einhergehenden Unsicherheiten. Diese Unsicherheiten gibt es auch in Bezug auf Visen. Die aktuelle Situation ist aber auch der Grund warum die Tagung dieses Jahr besonders groß war und es viele Bewerbungen und Anmeldungen gab. Einmal von Vertretern aus Deutschland, die ein Interesse hatten sich selbst ein Bild von der Lage vor Ort zu machen, wie das Klima für die Postdocs in den USA ist. Zum anderen aber natürlich auch um besonders zu zeigen, was es für Möglichkeiten für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in Deutschland geben könnte. Im Fokus stand aber die Karriereplanung.“

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Anna Oberle-Brill: „Die GAIN-Schlagwörter sind Informieren, Vernetzen, Karrieren gestalten. Der Name beinhaltet ja das Wortspiel gain statt brain drain Ein wichtiges Ziel zum Start des Programms 2003 war deutsche Wissenschaftler wieder aus den USA zurückzugewinnen. Das hat sich geändert. Mittlerweile wollen wir nicht mehr gezielt Abwerben, sondern das Ziel ist brain circulation. Wir möchten erreichen, dass Deutschland als ein interessantes Land für die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen wahrgenommen wird, um ihre Karrieren weiterzuführen. Das Hauptziel ist Kooperation und Vernetzung.“

Wie attraktiv sind die USA noch für deutsche Wissenschaftler?

Anna Oberle-Brill: „Es ist sehr schwer einzuschätzen welche Auswirkungen die momentane Politik der Trump-Administration auf die Entscheidungen der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinne hat. Hierzu fehlen aktuelle Zahlen. Aber in unseren vielen Unterhaltungen mit den Postdocs sehen wir natürlich zum einen, dass diese nach Alternativen zu ihrer Tätigkeit in den USA suchen. Da geht es auch um Sorgen was passiert, wenn ihr Postdoc-Fellowship frühzeitig beendet wird. Auf der anderen Seite steht nach wie vor die eigene Forschung im Vordergrund und vorrangig die Überlegung, wo diese am besten gefördert werden kann. Viele unserer GAIN-Mitglieder sind an Institutionen wie Harvard, MIT oder Stanford, die als Arbeitsplatz nach wie vor sehr gefragt sind, selbst wenn es nur sogenannte Brückenfinanzierungen gibt. Wir sehen keinen Massenexodus, sondern immer noch sehr enge transatlantische Kooperationen zwischen Laboren und Interesse von Postdocs nach wie vor in Amerika tätig zu sein. Das überschattet aber nicht die Unsicherheiten.“

Was könnte Deutschland machen, um attraktiver für internationale Wissenschaftler zu werden?

Anna Oberle-Brill: „Eine Sache, die wir immer wieder hören ist, dass ein gewisser Bürokratieabbau ein Hebel wäre. Als weitere Kritik wird auch immer wieder die lange Dauer von Berufungsverfahren genannt, durch die eine Planbarkeit sehr schwierig ist. Eine zentrale Plattform für Stellenangebote wird gewünscht. Da gibt es natürlich verschiedene Plattformen, aber eben kein zentrales Register. In den USA ist es wohl üblich, dass Stellenausschreibungen immer zur gleichen Zeit an der gleichen Stelle veröffentlicht werden, egal welcher Bundesstaat oder Institution.“

„Deutschland hat einen guten Ruf als Land, das wirklich sehr viel in die Forschung steckt und Fördermittel bietet.“ – Anna Oberle-Brill

Anna Oberle-Brill: „Ein Punkt ist auch, dass sich viele, die länger in den USA sind, die Frage stellen, wie man mit einer fehlenden Habilitation umgeht. Wir merken, dass wir immer mehr Personen mit sehr internationalen Werdegängen haben. Das ist natürlich eine schöne Sache. Die haben vielleicht einen Bachelor in Deutschland gemacht, den Master in der Schweiz, gehen dann zur Promotion nach Schweden und machen dann ihren Postdoc in den USA. Aber man muss bei dieser Diskussion auch immer betonen, dass Deutschland einfach einen guten Ruf als Land hat, das wirklich sehr viel in die Forschung steckt und Fördermittel bietet. Gleichzeitig sind es auch persönliche Entscheidungen, Eltern werden älter und so weiter. In Bezug auf die Gehälter stimmt es auf der einen Seite, dass diese in den USA höher sind. Das gilt allerdings nur für Spitzeneinrichtungen in gewissen Fachrichtungen. Das ist nicht überall so. Auf der anderen Seite muss man auch bedenken, dass die Ausgaben in den USA gegebenenfalls auch höher sind. Zum Beispiel die Kinderbetreuung. Also ja, die Gehälter sind zum Teil niedriger in Deutschland, aber die allgemeinen Lebenserhaltungskosten sind oft wesentlich günstiger in Deutschland.“

Das Interview führte Redakteurin Hanna Uhl am 06.10.2025.

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