China will an die Spitze des globalen Wissenschaftssystem: Was bedeutet das für deutsche ForscherInnen?
Aktuelles aus der Wissenschaft
Der Aufstieg der Volksrepublik Chinas in der globalen Wissenschafts- und Forschungswelt ist bemerkenswert. 2006 veröffentlichte die Regierung eine Strategie mit dem Ziel bis zum Jahr 2050 das Land zur Weltspitze in Wissenschaft und Technologie zu führen und eine globale Innovationsmacht zu werden. Knapp zwei Jahrzehnte später scheinen einige Ziele schon erreicht. China ist heute das Land mit den meisten Studierenden weltweit und in Rankings der bestenplazierten Universitäten steigen die Tsinghua University und die Peking University weiter auf. 2023 überholte China die USA bei der Zahl der weltweit meisten Publikationen in Fachjournalen. Auch wenn diese Kennzahlen zur Bestimmung wissenschaftlicher Qualität umstritten sind (Hier kommen Sie zum Interview mit Dr. Anna Christa und Dr. Matthias Kiesselbach von der DFG), zeigt dies doch den Erfolg der wissenschaftlichen Ambitionen der chinesischen Regierung.

Doch der schnelle Forschungsaufschwung des chinesischen Regimes birgt auch Schattenseiten. Kann man Forschung aus einem autoritärem Staat uneingeschränkt glauben schenken und was muss bei chinesisch-deutschen Forschungskooperationen beachtet werden? Diese strittigen Fragen und mehr beantwortet die Sinologin und Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Dr. Doris Fischer, von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, im Interview.

Chinas Regierung will bis 2050 zur führenden Wissenschaftsmacht der Welt werden – Was sind die Hintergründe?
Prof. Dr. Doris Fischer: „Einmal kann man das volkswirtschaftlich ganz einfach erklären. Der wirtschaftliche Aufstieg Chinas ab den 90er Jahren, aber vor allem ab den 2000ern, hängt zunächst vor allem mit billigen Arbeitskräften und Investitionen zusammen. Aber diese zwei Faktoren werden auf Dauer nicht tragen. Irgendwann haben sie keine billigen Arbeitskräfte mehr. Die chinesische Bevölkerung schrumpft ja schon im Moment und irgendwann kann man auch nicht weiter investieren und daraus Wachstum generieren.“
„Es ist ganz klar, dass China mit Wissen vorankommen muss und will“ – Prof. Dr. Doris Fischer
Prof. Dr. Doris Fischer: „Ich sag mal so, wenn es nicht mehr Arbeit und Kapital ist, braucht es Innovation. Also muss China innovationsfähiger werden. Es ist ganz klar, dass China mit Wissen vorankommen muss und will. Wissenschaft soll als Treiber chinesischer Wirtschaftsentwicklung fungieren. Ein klassisches makroökonomisches Argument. Das zweite, das China umtreibt ist, dass sie in der Vergangenheit für Technologien teure Lizenzen bezahlen mussten, entweder an die USA oder an Europa. Irgendwann wollte China nicht mehr vom Know-how anderer Länder abhängig sein. Wir merken ja im Moment, dass auch Deutschland in vielen Teilen abhängig von China ist und finden das auch nicht immer gut. Für China kommt dann noch hinzu, dass es schon immer Stimmen gab, die der Meinung waren, dass die USA nie akzeptieren wird, dass China groß werden kann. Das heißt China will immer noch unabhängiger werden. Ansonsten spielt Prestige auch immer eine Rolle. Wenn dann misst sich China immer nur an den USA, Europa spielt eher eine geringe Rolle.“
Wie haben sich die deutsch-chinesischen Forschungsbeziehungen entwickelt?
Prof. Dr. Doris Fischer: „Die chinesische Regierung hat vor ein paar Jahren ihren Institutionen und Universitäten signalisiert, dass sie mehr internationale Zusammenarbeit möchten. Dann sind sie aber gleichzeitig ihren Wissenschaftlern gegenüber immer restriktiver in Bezug auf Reisegenehmigungen geworden. Konferenzteilnahmen scheinen relativ unkompliziert zu sein, ein Forschungsaufenthalt von vier Wochen kann schon komplizierter werden. 2023 hat mich ein Wissenschaftler von einer chinesischen Institution, mit der wir zusammenarbeiten, kontaktiert. Er war schonmal als Gastwissenschaftler bei uns an der Universität Würzburg und wollte wieder kommen. Für uns war das kein Problem, es dauerte aber von chinesischer Seite ewig, bis er die Genehmigung bekommen hat. Dann musste er seinen Aufenthalt auch nochmal verschieben, weil die chinesische Regierung mit irgendwas nicht zufrieden war. Im Endeffekt durfte er dann auch nur vier Wochen kommen, ohne in Deutschland reisen zu dürfen.“
– Intransparenz der chinesischen Regierung bei Gastaufenthalten von Forschern-
Prof. Dr. Doris Fischer: „Wir wissen in solchen Fällen nicht, ob es an der Regelung der Institution oder der Regierung liegt. Der Gastwissenschaftler hat dann erzählt, dass an seiner Institution vier Anträge für Auslandsaufenthalte gestellt worden sind und nur seiner genehmigt wurde, wobei nicht klar ist, ob das am Geld, Evaluierung der wissenschaftlichen Relevanz oder den Partnerinstitutionen liegt. Eigentlich hatte die chinesische Regierung Anfang des Jahres das Signal klar ausgesendet, dass sie viele Kooperationen wollte. Es kommt aber trotzdem zu diesen Problemen. Ich vermute aber dadurch, dass die USA so abweisend auf chinesische Wissenschaftler reagiert, Europa wieder interessanter wird. Bei den Studierenden sehen wir den Trend, dass die Zahl der indischen Studierenden hochgeht und die der chinesischen eher stagniert. Beziehungsweise die Chinesen bilden nicht mehr die größte Gruppe der ausländischen Studierenden.“
Sie forschen nicht nur zu China, sondern haben auch das Fortbildungsprogramm „Kompetent wissenschaftlich interagieren mit China“ mitentwickelt – Um was geht es im Programm?
Prof. Dr. Doris Fischer: „KoWinChi“ ist in erster Linie kein Forschungsprojekt, sondern ein Weiterbildungskonzept. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt hatte vor ein paar Jahren eine Ausschreibung, um salopp gesagt, zu verhindern, dass die Wissenschaft naiv mit China kooperiert. Das Programm richtet sich vor allem an Forschende, die keine China-Expertinnen oder Experten sind. Wir bieten verschiedene Module in Form von Tagesveranstaltungen an, die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowie wissenschaftsstützendes Personal besuchen können. Wenn man bestimmte Veranstaltungen besucht hat, kann man sich die Teilnahme auch mit einem Zertifikat bestätigen lassen. Das Fortbildungsprogramm führen wir in Kooperation mit der Sinologie der Universität Nürnberg-Erlangen durch. Bei uns ist das Projekt an unser „China Kompetenzzentrum“ angedockt. Natürlich wollen wir dadurch auch unsere Kompetenz zu China nach außen noch mehr sichtbar machen.“
Was sind die Inhalte des Programms?
Prof. Dr. Doris Fischer: „insgesamt haben wir neun Module entwickelt. Eins zu Wissenschaftsgeschichte und zum Innovationssystem, also wirklich die Basics. Aber auch Kurse zu Finanzierungsmöglichkeiten und Rechtsfragen. Der Teilbereich Wissenschaftsfreiheit wird unter anderem durch ein Begegnungsmodul abgedeckt, zu dem wir auch chinesische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einladen, dass wir nicht nur über China, sondern auch mit China reden. Wir hoffen, dass das Angebot mit den Zertifikaten unser Trainingsprogramm auch für Wissenschaftler in niedrigeren Karrierestufen interessant macht. Weil diese, wenn sie dann nochmal die Hochschule wechseln, schonmal eine Art „Führerschein“ für China herzeigen können.“

Was müssen deutsche Wissenschaftler beachten, wenn sie in China forschen?
Prof. Dr. Doris Fischer: „Wenn unsere Wissenschaftler nach China gehen, sagen wir schon, dass sie am besten nicht ihre gesamten Forschungsdaten mitnehmen sollen. Eine große Erleichterung ist, dass die Chinesen für dieses Jahr die Visumsfreiheit für Deutschland eingeführt haben. Das war sicher ein smarter move der chinesischen Regierung. Das hängt aber natürlich auch damit zusammen, dass sich die Wissenschaftler sowieso nicht unbeobachtet durch China bewegen können. Man muss in China um zum Beispiel ein Bahnticket oder eine SIM-Karte kaufen zu können, immer den Pass vorzeigen. Wenn sie vier Wochen für einen Gastaufenthalt in China sind, können sie auch wegen der vielen Überwachungskameras gar nicht verloren gehen.“
„Die chinesische Regierung hätte die Visumsfreiheit nicht umgesetzt, wenn sie das Gefühl gehabt hätte, dass im großen Maßstab Wissenschaftler kommen und ohne Aufsicht herumspringen würden“ – Prof. Dr. Doris Fischer
Prof. Dr. Doris Fischer: „Die chinesische Regierung weiß im Zweifel immer wo sie zu finden sind. Das ist bei uns zum Glück nicht so. Deswegen ist das Argument, dass wir mit der Visumsfreiheit reziprok nachziehen müssen, nicht korrekt. Die chinesische Regierung hätte die Visumsfreiheit nicht umgesetzt, wenn sie das Gefühl gehabt hätte, dass im großen Maßstab Wissenschaftler kommen und ohne Aufsicht herumspringen würden. Nichtsdestotrotz ist die Visumsfreiheit für uns eine Erleichterung und auch mit weniger Kosten verbunden. Auf die ständige Überwachung würde ich sagen muss man die Wissenschaftler schon vorbereiten. Auch funktionieren VPN-Zugänge und soziale Medien aus dem Westen meist nicht. Auch das Ankommen im neuen Land ist, wenn man kein Chinesisch kann, nicht so einfach. Als Gastwissenschaftler hat man zwar normalerweise immer jemand zur Hilfe, aber das verringert natürlich nicht den Überwachungsteil. Die Chinesen sind unwahrscheinlich gastfreundlich und hilfsbereit. Der Einzelne, der hilft, hat im Zweifel auch keine böse Motivation, aber das Regime kann die Daten eben nutzen. Zur Gretchenfrage kommt es dann weniger in den Naturwissenschaften, mehr in den Geistes- und Sozialwissenschaften: Es ist immer die Frage, was man publizieren kann und ob man Kompromisse eingeht. Man muss sich überlegen, ob man bei einer in China erscheinenden Publikation, in der eventuell Teile zensiert werden, als (Ko-) Autorin genannt werden will.“
Es gibt den Vorwurf, dass China Wissen aus deutsch-chinesischen Forschungskooperationen für politische und militärische Zwecke missbraucht – Wie schätzen Sie diesen ein?
Prof. Dr. Doris Fischer: „Bei diesem Thema gibt es zwei Ebenen. Einmal sag ich mal, kann man von der deutschen Öffentlichkeit „eine abgewatscht“ bekommen, wenn man mit bestimmten Menschen zusammenarbeitet, auch wenn in der konkreten Kooperation das Thema Dual Use gar keine Rolle spielt. Man muss sich momentan als Wissenschaftler oder Institution auch fragen, ob es vielleicht nur durch die Zusammenarbeit einen Reputationsschaden gibt. Das haben viele schonmal erlebt. Die andere Frage ist, ob wirklich etwas passieren kann und die Chinesen nur kooperieren, um Wissen abzugreifen. Diese Sorge kann berechtigt sein. Insgesamt sind die Wissenschaftler aber davon überzeugt, dass wir kooperieren müssen. Letztendlich machen Forschende ihre Forschungsergebnisse, wenn es nicht gerade Militärforschung ist, sowieso publik.“
„Die verschicken ja schon die Post, die wir hier noch nicht mal geschrieben haben“ – Prof. Dr. Doris Fischer
Prof. Dr. Doris Fischer: „Mir fehlt im deutschen Diskurs oft, dass wir natürlich auch zusammenarbeiten, weil wir hoffen von den chinesischen Wissenschaftlern zu lernen. In manchen Bereichen geht in China die Post ab. Die verschicken ja schon die Post, die wir hier noch nicht mal geschrieben haben. Bei uns geht immer um die Angst, dass China etwas abgreifen könnte, statt mal in die andere Richtung zu überlegen, dass unsere Wissenschaftler auch von China lernen können. Letztlich muss das jeder für sich selbst entscheiden. Gelegentlich erhalten Wissenschaftler ein Angebot aus China und fragen uns, ob es bedenklich ist, dort hinzugehen und was sie beachten müssen. Wenn diese Frage zum Beispiel von jemand mit einer Professur in alter Philologie kommt, dann sehe ich das als völlig unbedenklich an. Wenn jemand Drohnentechnologie entwickelt, muss der Gastaufenthalt vielleicht nicht unbedingt sein. Bei Forschungsprojekten, für die Wissenschaftler eine Finanzierung benötigen, müssen sie ihre Kooperation mit chinesischen Wissenschaftlern im Projektantrag erläutern und nicht vor uns, weil wir als Universitäten in der Regel nicht die Projekte unserer Wissenschaftler finanzieren.“

Gibt es für die Universitäten weitere Herausforderungen in Bezug auf Forschungskooperationen mit China?
Prof. Dr. Doris Fischer: „Uns Universitäten treibt oft das Exportkontrollrecht des Bundeamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle um. Das kommt daher, dass auch ein Export von Wissen unter die Exportkontrollrichtlinien fallen kann. Das kann zum Beispiel dann ein Problem werden, wenn chinesische Gastwissenschaftler in Deutschland an irgendwelchen Geräten mitarbeiten. Universitäten müssen mittlerweile nachweisen können, dass sie für diese Problematik sensibilisieren und Praktiken zur internen Exportkontrolle implementieren. Letztendlich geht es um die Angst vor Spionage. Da bin ich mir nicht sicher, ob die Menschen aus China das gefährlichste Einfallstor sind. Da gibt es noch ganz andere Möglichkeiten. Aber das sind Themen, die momentan für Diskussionen sorgen.
„Für eine Einbahnstraße brauche ich überhaupt nicht zu kooperieren“ – Prof. Dr. Doris Fischer
Prof. Dr. Doris Fischer: „Zum Beispiel haben wir gewisse Beschränkungen, dass nicht jeder in alle universitären Räume kommen kann, das ist gar keine Frage, aber wir sind kein Hochsicherheitstrakt. Das ist auch einfach nicht der Charakter der deutschen Universitäten und hierfür fehlen auch einfach die Gelder. Wenn das die neuen Anforderungen sind, bräuchte man teure Baumaßnahmen. Meiner Meinung nach ist es aber auch falsch aus diesen Anforderungen das Fazit zu ziehen, überhaupt keine chinesische Gastwissenschaftler mehr nach Deutschland zu holen. Die Politik sagt oft, Kooperationen sind erwünscht, aber es darf kein Wissen abließen. Das geht nicht. Wir machen Kooperationen, weil Wissen in beide Richtungen fließen soll. Für eine Einbahnstraße brauche ich überhaupt nicht zu kooperieren. Wenn die Politik gar keine Kooperationen mehr möchte, dann muss das von der Politik klar so vorgegeben sein. Dann gibt es aber einen Aufschrei, weil wir Forschungsfreiheit haben. Wir haben natürlich auch andere Güter in der Verfassung, die wir abwägen müssen, aber Wissenschaftlern die Forschung in einzelnen Bereichen zu verbieten, das geht nicht. Außerdem hat auch China Dual Use Vorschriften. Auch chinesische Institutionen möchten nicht, dass Ausländer überall mitforschen.“
Was spielt der China Defence Universities Tracker für eine Rolle bei der Forschungskooperation mit China?
Prof. Dr. Doris Fischer: Der Tracker ist eine Datenbank, die Informationen über chinesische Universitäten und Forschungseinrichtungen und ihre Verbindungen zum Militär gesammelt hat. Meiner Meinung nach ist diese Kategorisierung der chinesischen Hochschulen aber höchst problematisch. Zum Beispiel wird die international hoch angesehene Peking Universität als high risk aufgrund militärischer Forschung eingestuft. Unsere Sinologie unterhält zusammen mit einer norwegischen, einer dänischen und einer anderen deutschen Universität eine Kooperation mit der Peking Universität, um unseren Studierenden ein integriertes Auslandssemester zu ermöglichen. Mag ja sein, dass auf dem riesigen Campus irgendetwas gemacht wird, das unter militärische Forschung und Dual Use fällt, aber das hat ja nichts mit unseren Studenten zu tun. Mit dem Vertrag bekommen wir Vergünstigungen für die Studiengebühren. Diese langjährige Kooperation mit der Peking Universität zu kündigen wäre schwarz-weiß Denken und ziemlich absurd. Die wirklich guten Universitäten in China sind alle als Risiko im Tracker eingestuft, aber das muss man immer erklären.“

Prof. Dr. Doris Fischer: „Für uns ist das China Kompetenzzentrum sehr hilfreich, weil wir Prozesse erarbeitet haben, um Kooperationen abzuwägen. Wir wissen um das Problem, sehen es aber eben nicht nur als Problem. Wir wollen auch zusammenarbeiten. Grundsätzlich gilt aktuell aus meiner Sich generell, dass, je mehr Misstrauen wir gegenüber China haben, desto mehr spielen wir der chinesischen Seite, die ein Misstrauen zu uns haben, in die Karten. Das schaukelt sich seit Jahren langsam hoch. Im Hintergrund steht natürlich auch der US-China Konflikt. Wir können nur hoffen, dass es weltpolitisch nicht noch extremer wird. Das macht es dann immer noch schwieriger für die Wissenschaft.“
Ist das Glaubwürdigkeitsproblem chinesischer Forschung berechtigt?
Prof. Dr. Doris Fischer: „Die chinesische Regierung hat im Jahr 2006 festgelegt, dass sie die führende Nation bei wissenschaftlichen Publikationen, Patente usw. werden möchte. Man konnte auch sehr schnell sehen, dass nach kurzer Zeit die Zahl der Publikationen, Patente usw. hochging. Es gibt ganze Forschung dazu, die herauszufinden versucht, was das jetzt bedeutet. Bei den Patentanmeldungen kann man das ganz gut abschätzen. Die Lücke zwischen den Patentanmeldungen und der wirklichen Gewährung der Patente ist relativ groß. Dann ist auch die Frage, ob die Patente auch international angemeldet werden. Da stellt man fest, dass der Anteil, der Patente, die nur in China angemeldet wurde, relativ hoch ist. Die Qualität eines Patents kann man auch herausfinden, indem man schaut, ob das Patent in einem anderen Patent zitiert wurde. Dann auch die Frage, was überhaupt patentiert wurde. Wie groß ist der Innovationssprung? Da haben wir auch eine schleichende Degeneration in China, die wahrscheinlich mit dem großen Druck der Regierung, neue Patente anzumelden, zusammenhängt. Man kann zu dem Schluss kommen, dass sich bei den Patenten in China etwas tut, aber die Aussagekraft von Patentzahlen heute vielleicht nicht die gleiche wie vor 40 Jahren ist.“

Prof. Dr. Doris Fischer: „Ähnlich ist das bei der Zitation. Als chinesische Wissenschaftler erfahren haben, dass Publikationen in internationalen Journals wichtig sind, fangen sie an Strategien zu entwickeln. Es gab eine Welle an chinesischen Wissenschaftlern, die internationale Wissenschaftler gesucht haben, um mit ihnen gemeinsam zu publizieren. Es handelt sich zum Teil auch um eine sprachliche Hürde. Die deutschen Universitäten kämpfen ja auch mit dem angelsächsisch dominierten Publikationswesen. Diese Strategie der Kooperation haben aber auch die guten Universitäten auf chinesischer Seite erkannt. Denen reicht die Mitnennung chinesischer Wissenschaftler daher nicht mehr als Qualitätsausweis. Daher wurden die Anforderungen an die chinesischen Wissenschaftler noch mehr erhöht. Wenn die Regierung richtig Druck macht, gibt es ganz klar auch finanzielle und karrieretechnische Anreize.“

Prof. Dr. Doris Fischer: „Natürlich gibt es aber auch viele seriöse und gute Wissenschaftler aus China. Das ist das Problem. Wenn der Wettbewerbsdruck auf die Wissenschaftler so hoch ist, können einige mithalten. Es gibt aber auch eine größere Gruppe von Leuten, die sagt, das schaff ich nicht, wenn ich mich an die Regeln halten. Die kommen dann auf unlautere Ideen. Es gibt immer wieder Skandale, über deren Ausmaß man wirklich geschockt ist. Andererseits tut es auch weh, weil man weiß, dass es auch wirklich seriöse Wissenschaftler gibt, die werden damit natürlich quasi in die Sippenhaft beziehungsweise Generalverdacht genommen. Die chinesische Regierung steht vor dem Problem, weil sie die Wissenschaftler mit viel Geld fördert und auch nicht betrogen werden will. Andererseits wird die große Zahl der Publikationen für das Abschneiden chinesischer Universitäten in internationalen Rankings und im internationalen Wettbewerb begrüßt.“
Das Interview führte Redakteurin Hanna Uhl am 25.06.2025.
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