Kann die deutsche Wissenschaft vom chinesischen Innovationssystem profitieren?
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China will bis zum Jahr 2050 an der globalen Spitze der Wissenschaft, Technologie und Innovation stehen. Die Strategie hinter diesem Plan ist komplex. Was die Hintergründe der wissenschaftlichen Ambitionen sind und was das für die deutsch-chinesischen Forschungsbeziehungen bedeutet, erfahren Sie im Interview mit der Sinologin und Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Dr. Doris Fischer.
Doch wie sieht wie sieht der Plan hinter dem chinesische Innovationssystem überhaupt aus? Jeroen Groenewegen-Lau ist Programmleiter für „Wissenschaft, Technologie und Innovation“ beim Mercator Institute for China Studies (MERICS) und beschäftigt sich tagtäglich mit Fragen rund um China und seiner Beziehung zu Europa und der Welt. Im Interview mit Hochschul-Job.de diskutiert er inwiefern Wissenschaftler Daten aus China vertrauen können, auf welche Forschungsbereiche das Land setzt und verrät wie Deutschland und Europa von chinesischen Ideen profitieren können.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Jeroen Groenewegen-Lau: „Den Tag beginne ich üblicherweise mit dem Lesen von chinesischen Zeitungen. Wir fragen uns immer, was möchte das chinesische Regime mit einer Regelung versuchen zu erreichen und wie steht die chinesische Bevölkerung dazu? Es ist interessant, die verschiedenen Teile des Puzzles zusammen zu setzen, um dann ein Gesamtbild zu bekommen, Trends zu beschreiben, Wendepunkte zu erkennen und deren Auswirkungen zu erfassen. Datengestützte Forschungsmethodik ist wichtig für unseren Arbeitsalltag. Wir haben zum Beispiel eine Datenbank zu Forschungsfinanzierung aufgebaut, um zu sehen, welche Prioritäten China in verschiedenen Bereichen setzt. Außerdem haben wir eine Datenbank mit politischen Dokumenten und Richtlinien aus China. Das ist sehr nützlich, um schnell die richtigen Informationen zu finden.“

Jeroen Groenewegen-Lau: „Ein weiterer Großteil meiner Arbeit umfasst das Erstellen von Analysen und Artikeln. Zusammen mit einem Kollegen habe ich mich mit damit beschäftigt, dass die chinesische Regierung anhand öffentlich zugänglicher Identifikationsdaten die Karrieren von Forschern verfolgen kann. Für unser China Tech Observatory (CTO) untersuchen wir akademische Publikationen sowie Patent- und Investitionsdaten. Für einen Artikel im Bereich der Biotechnologie haben wir Zahlen zu abgeschlossenen Lizenzvereinbarungen zwischen chinesischen Unternehmen und ausländischen Pharmaunternehmen als Indikator für wachsenden Erfolg bei der Entwicklung innovativer Behandlungsmethoden genutzt. Schlussendlich nutzen wir bei MERICS mixed-methods. Wir kombinieren deep-reading von politischen Dokumenten mit der Auswertung von Debatten, Interviews und anderen Daten. Zu meinem Arbeitsalltag als Teamleiter gehört auch die Teilnahme an vielen Besprechungen und Absprachen mit Kollegen, Sponsoren und anderen Stakeholdern, damit aus unserer Forschung auch reale Projekte werden.“
Kann man Daten aus China uneingeschränkt Glauben schenken?
Jeroen Groenewegen-Lau: „Natürlich können Daten überall manipuliert werden. Sie können verwendet werden, um sehr unterschiedliche Narrative zu kreieren. Wir versuchen immer mehrere Quellen zu überprüfen und Informationen in einen größeren Kontext zu setzen. Das hilft uns die notorische Unzuverlässigkeit chinesischer Daten zu umgehen. Im Moment werden zum Beispiel Daten zu Medikamenten auch im Ausland veröffentlicht. Für einen Artikel zur Abwanderung von Fachkräften konnten wir deshalb ORCID Daten nutzen, welche in Europa autorisiert wurden. In diesem Fall müssen wir uns nicht ausschließlich auf chinesische Daten verlassen. Das ist aber nicht immer möglich.“

Jeroen Groenewegen-Lau: „Wenn man beispielsweise einen Überblick über die angesprochenen Technologien aus den Reden vom chinesischen Staatspräsident Xi Jinping haben möchten, müssen wir diese Daten natürlich aus chinesischen Datenbanken oder Nachrichtendatenbanken nehmen. Auch wenn die Daten möglicherweise unvollständig sind. In solchen Fällen machen wir transparent, dass die Zahlen von der chinesischen Regierung veröffentlicht wurden, ohne zu kommentieren, ob wir diesen trauen oder nicht. Ob wir die chinesischen Daten und Informationen überprüfen oder überhaupt überprüfen können, kommt auch immer auf die Art der Daten an. In manchen Fällen waren wir auch nicht einverstanden, wie Dinge in den internationalen Medien dargestellt worden sind. Man muss lernen zwischen den Zeilen zu lesen und Wege finden Fakten zu checken. Manchmal bedeutet das darauf hinzuweisen, wenn man Dinge anders einordnet.“
Wie hat sich Chinas Wissenschaftslandschaft in den letzten Jahren/Jahrzehnten verändert?
Jeroen Groenewegen-Lau: „Ich glaube, dass die chinesische Regierung einen tiefen Optimismus in Bezug auf technologische Innovationen hegt. Die Kommunistische Partei Chinas, hat eine sehr modernistische Agenda in Bezug auf Fortschritt und technologische Entwicklung. Es herrscht die feste Überzeugung, dass technologischer Fortschritt viele der Herausforderungen lösen wird. In Bezug auf den Klimawandel ist es gut, dass die chinesische Regierung langfristige Pläne hat, weil es zum Beispiel nur deswegen Ziele und Initiativen für die Begrenzung von C02-Emissionen und CO2-Neutralität gibt. Neben dem Klimawandel gilt das auch für die großen Herausforderungen der Überalterung der chinesischen Bevölkerung. Es herrscht die Überzeugung, dass durch den Einsatz von Robotern die Wirtschaft trotz Mangel an Arbeitskräften weiter wachsen kann. Peking nutzt Technologien auch als instinktive Lösung in kritischeren Bereichen wie Überwachung und Zensur. In China sollen die meisten Probleme mit staatlich finanzierten Initiativen gelöst werden.“

Jeroen Groenewegen-Lau: „Das Streben nach technologischem Durchbruch wird auf jeden Fall extremer. China befindet sich in einer Art globalem Wettbewerb um die technologische Führungsrolle. Früher schien es, als diene die technologische Entwicklung dem Wirtschaftswachstum. China benötigte neue Technik, um seine Produktion zu modernisieren, damit es seinem Volk bessere Waren anbieten konnte. Es scheint fast so, also habe sich das umgekehrt und die Wirtschaft diene der technologischen Entwicklung. Der chinesische Technologiefortschritt wird als so wichtig erachtet, dass es als existenzielle Bedrohung gilt, wenn China Spitzenplätze verliert. Die kommunistische Partei hat daher beschlossen, dass die Bevölkerung einen niedrigeren Lebensstandard und Lebensqualität akzeptieren muss, damit die Zentralregierung mehr finanzielle Mittel für die Weiterentwicklung der Wissenschaft und kritische Technologien bereitstellen kann.“
Beschränkt sich China auf bestimmte Wissenschaftsfelder?
Jeroen Groenewegen-Lau: „In gewisser Weise scheint die chinesische Regierung einfach die Forschungsprioritäten Chinas zu identifizieren. Besonders Halbleiter und Künstliche Intelligenz (KI) sind relevant. Aber die Liste der für China wichtigen Bereiche umfasst zahlreiche Bereiche, in denen China führend sein will. Nicht nur Quanten- und Biotechnologie, sondern auch mobiles Internet der nächsten Generation, Weltraumtechnologie, die Entwicklung neuer Materialien, usw. China investiert auch in Bereiche, die eher als low-end gelten, so wie Schiffsbau und Stahlproduktion. Es ist festzustellen, dass die chinesische Regierung keine Technologie gegenüber einer anderen vorzieht. Sie möchten in jedem Sektor führend sein. Es ist also auch eine klare Entscheidung, dass sie umweltschädliche oder arbeitsintensive Industriezweige nicht outsourcen wollen. Von einer wirtschaftlichen Perspektive aus, wäre es sicherlich sinnvoll, diese nach Südostasien zu verlagern. Aber das offizielle Statement macht deutlich, dass China in allen Bereichen führend bleiben möchte.“
„Das offizielle Statement macht deutlich, dass China in allen Bereichen führend bleiben möchte“ – Jeroen Groenewegen-Lau

Jeroen Groenewegen-Lau: „Viele dieser Bereiche sind mit der Realwirtschaft und angewandten Naturwissenschaften verbunden. E-Commerce, Finanzspekulation und Dienstleistungen sind weniger oft vertreten. Diese Entscheidung schadet Chinas großem Erfolg von TikTok oder E-Commerce-Plattformen wie Shein. Der Durchbruch in einigen Technologiebereichen kam nur durch Online-Spiele, Chat Programme oder andere unerwartete Bereiche. China setzt jedoch Schwerpunkte auf den produzierenden Industriebereich, der industriell und militärisch vielversprechend sind. Die Definition von Konsumgut und „harter Technologie“ ist aber etwas fließend. Fließend genug, um künstliche Intelligenz mit einzuschließen.“
Ist die Sorge der deutschen Politik berechtigt, dass China deutsche Forschung für militärische und politische Zwecke nutzen will, berechtigt?
Jeroen Groenewegen-Lau: „Es wird immer schwieriger Forschungsteilbereiche zu finden, in denen eine sichere Zusammenarbeit stattfinden kann. Grundlagenforschung wird schneller kommerzialisiert und die meisten Schlüsseltechnologien fallen unter Dual-Use. Technologien wie künstliche Intelligenz, Quantentechnologie und Biotechnologie können in vielen unterschiedlichen Bereichen angewendet werden.“
„Wir müssen einen gewissen Grad an Risiko akzeptieren“ – Jeroen Groenewegen-Lau
Jeroen Groenewegen-Lau: „Deshalb müssen wir einen Weg finden mit diesen Risiken umzugehen. Wir müssen einen gewissen Grad an Risiko akzeptieren, aber europäische Stakeholder sollten auch strategisch abwägen, so wie das auch die chinesischen Partner machen. Können wir mehr von der Zusammenarbeit profitieren, als wir an eigenem Wissen offenbaren? Handelt es sich um einen Forschungsbereich in dem Europa zurückliegt und von China lernen muss? Können Risiken so weit reduziert werden, dass doch eine Kooperation stattfinden kann? Oder haben wir wirklich das Gefühl, dass Wissen aus der Kooperation für militärische Zwecke genutzt werden soll und gehen lieber keine Zusammenarbeit ein? Viele Universitäten und andere Institutionen bauen aktuell die Infrastruktur, um mit diesen Fragen einen Umgang finden zu können. Auch die deutsche Regierung und die EU unterstützen diese Bemühungen. Das geht das in die richtige Richtung. Aber die Lösung ist nicht einfach, da in vielen Bereichen erhebliche Risiken bestehen, China sich viel stärker auf den technologischen Wettbewerb konzentriert hat und wir damit manchmal falsch umgehen.“
Können wir von China lernen, oder steht das in Konflikt mit unserer Wissenschaftsfreiheit?
Jeroen Groenewegen-Lau: „Ja, ich denke wir sollten das, was China tut, sehr ernst nehmen und nicht zu schnell abtun. Historisch gesehen war es immer so: wenn ein Land erfolgreich war, haben andere davon gelernt und sich angepasst. China macht eindeutig einiges richtig. Denn es steigert seine Innovationskraft durch die Entwicklung einer Reihe wirklich wichtiger Technologien, wie PV-Anlagen oder E-Autos. Einige Ansätze werden im europäischen Kontext nicht funktionieren, aber vielleicht können wir eine Art Äquivalent finden. Ich persönlich schätze das Lernen von China sehr, weil es dabei hilft zu erklären, dass die Securitization von Wissenschaft und Technologie ein unbestreitbarer globaler Trend ist. Wenn man China ernst nehmen will, muss man verstehen, dass das Land Forschung und Innovation der nationalen Sicherheit untergeordnet hat.“

Jeroen Groenewegen-Lau: „Natürlich wäre es schöner, wenn alle zusammenarbeiten würden und wir beispielsweise gemeinsam neue Medikamente entwickeln würden, oder Kernfusion, wovon dann die ganze Welt profitiert. Aber wenn man Xi Jinpings Aussagen ernst nimmt, ist es sehr klar, dass alle Wissenschaftsbereiche, selbst diejenigen, die sehr harmlos erscheinen, zu Chinas zu Wettbewerbsfeldern gehören. Die Frage ist, wer kann seine first-mover Vorteile nutzen und technologischer Vorreiter werden? Wissenschaft ist geopolitisch geworden, das macht das Lernen von China sehr deutlich.“
„Wenn wir von China lernen möchten, bedeutet das nicht, dass wir wie China werden sollen.“ – Jeroen Groenewegen-Lau
Jeroen Groenewegen-Lau: „Wenn wir von China lernen möchten, bedeutet das aber nicht, dass wir wie China werden sollen, deren System kopieren und unsere demokratischen Ideale der Wissenschaftsfreiheit beiseiteschieben sollten. Aber wir können uns von der unternehmerischen Denkweise der chinesischen Regierung inspirieren lassen. China traut sich Steuergelder in innovative Projekte und die damit verbundene Infrastruktur zu investieren. Nicht alle diese Investitionen waren produktive Projekte. Das ist jedoch unvermeidlich, wenn man in bestimmten Zukunftstechnologien eine Vorreiterstellung einnehmen möchte. Wenn Europa wettbewerbsfähig sein will, sollte es weniger Angst vor neuen Technologien haben und einfach akzeptieren, dass in diesem Prozess von Innovationsinvestitionen Geld verloren gehen kann. Aber wir werden dabei wahrscheinlich auch einige Ergebnisse erzielen. Zumindest kommt etwas in Bewegung. Wir brauchen eine stärker missionsorientierte Innovationspolitik.“

Jeroen Groenewegen-Lau: „China ist dahingehend auch erfolgreich verschiedene Interessensgruppen aus Industrie, Hochschule, Regierung und weitere Investoren über verschiedenen Plattformen und durch Bemühung der Integration von Lieferketten zusammenzubringen zusammenzuführen. Natürlich gibt es auch in Europa Inkubatoren, Branchenverbände und andere Plattformen, um diese Interessensgruppen zusammenzubringen. Jedoch denke ich, dass wir diese noch verbessern können, um die gemeinsame Innovation wirklich voranzutreiben.“
Was ihr persönlicher Rat für den Umgang der europäischen Wissenschaft mit China?
Jeroen Groenewegen-Lau: „Ich würde gerne eine gesellschaftliche Offenheit erreichen, in der wir uns stärker mit China auseinandersetzen können. In China gibt es viele gute chinesische Forscher, die in Europa ausgebildet wurden. Wir sollten als Ausbildungsstätte für alle Talente offen bleiben, davon profitiert auch Europa. Ich bin also in gewisser Weise für eine Zusammenarbeit, muss aber auch erkennen, dass die Risiken real sind. Es ist eine schwierige Situation. Einige Forscher, die an europäische Institution studiert haben und nach China zurückkehren arbeiten in einem ganz anderen institutionellen Umfeld, in dem sie mehr Anreize haben über Dual-Use Anwendungen nachzudenken. Die Vorstellung, dass chinesische Institutionen als gleichberechtigte Partner in der globalen Wissenschaftsgemeinschaft willkommen geheißen werden können, ist wohlwollend naiv. Darüber müssen wir besser nachdenken. Dazu müssen viele Menschen innerhalb der Gemeinschaft schrittweise einen besseren Ansatz erarbeiten, der die Herausforderung bedenkt und dennoch Wege findet, die Ideale der offenen Wissenschaft zu fördern.“
Das Interview führte Redakteurin Hanna Uhl am 18.07.2025.
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