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Christina Lang – Doktorandin an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung Konstanz (HTWG) am Institut für Strategische Innovation und Technologiemanagement (IST): „Einer für Alle und Alle für Einen.“

Christina Lang, 29, promoviert an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung Konstanz (HTWG) am Institut für Strategische Innovation und Technologiemanagement (IST). Im Interview mit Hochschul-Job.de verrät sie, welche Rolle Start-ups für die Entwicklung etablierter Unternehmen spielen, was das Besondere an einer Promotion an der Hochschule ist, wie die Stimmung an ihrem Institut ist, welche Höhen und Tiefen sie während ihrer Zeit als Doktorandin erlebt hat und wie es gelingt, nach solchen Tiefpunkten weiterzumachen.

Christina Lang – Foto: Leo Leister


Frau Lang, woran forschen Sie im Rahmen Ihrer Doktorarbeit?

Lang: Ich bewege mich im Forschungsfeld „Corporate Entrepreneurship“. Das beschäftigt sich mit den strategischen Aktivitäten in etablierten Unternehmen, die ihre Strukturen, Prozesse und das Management anpassen müssen, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Konkret heißt das, sich in der Arbeitsweise zum Beispiel an Start-ups zu orientieren und so aus dem Unternehmen selbst neue Innovationen hervorzubringen. Ein Blick in die deutsche Industrie zeigt: Sowohl bei DAX-Konzernen als auch im Mittelstand, fällt eine Reihe von Aktivitäten auf, die in diese Richtung abzielt. Das reicht von Investitionen in Start-ups über die Zusammenarbeit mit Nachwuchsunternehmen bis hin zur Gründung eigener Start-ups, wie es OTTO mit ABOUT YOU getan hat. Mein Forschungsschwerpunkt liegt nun darauf, wie man diese Corporate Entrepreneurship Aktivitäten in den Unternehmen zielführend steuern kann. Mittlerweile ist bekannt, welche Aktivitäten es typischerweise gibt und wie sich diese gestalten lassen. Ich möchte herausfinden, wie man diese Aktivitäten zu erfolgreichen Ergebnissen führen kann, wie sie sich in eine übergeordnete Unternehmensstrategie einbetten lassen, wie man überhaupt die richtigen Ziele setzt und diese dann entlang eines Managementregelkreises erreicht.

An welchem Punkt Ihrer Forschung stehen Sie gerade?

Lang: Erst einmal habe ich das Problem herausgearbeitet, dass es zwar Designparameter gibt, wie die Corporate Entrepreneurship Aktivitäten aufgebaut sein könnten, sie aber meist nicht Teil der übergeordneten Unternehmensstrategie sind. Damit einher geht, dass Erwartungen an diese Aktivitäten nicht klar abgeleitet werden können, was bisher zu viel Enttäuschung in den Unternehmen bezüglich der Effektivität der Corporate Entrepreneurship Aktivitäten geführt hat. Es ist noch unklar, wie erwartete Ergebnisse in Ziele formuliert werden sollten, wie der Zielvereinbarungsprozess funktioniert und wie die Aktivitäten im Rahmen des Unternehmens gesteuert werden sollten, damit Erwartungen und Ergebnisse übereinstimmen oder sogar übertroffen werden. Oftmals werden Ressourcen und ein Budget beispielsweise für ein Innovation Lab bereitgestellt, dann wird diese Einrichtung aber wieder geschlossen, weil sich nach bestimmter Zeit noch kein Erfolg eingestellt hat. Wenige Jahre später wird die Initiative dann komplett neu gestartet, was natürlich für den Unternehmenszyklus problematisch ist, weil Know-How und Ressourcen verloren gehen. Es bräuchte also einen Steuerungskreislauf, um Erwartungen in Form von Zielen vorzugeben und deren Verfolgung zu steuern. Bisher habe ich zwei Veröffentlichungen geschrieben. Die erste war ein Literature Review, in dem ich die in der Literatur beschriebenen Ziele von Corporate Entrepreneurship Aktivitäten herausgearbeitet, ein Framework zur Klassifizierung dieser Ziele erstellt und mit den Zielen des bisherigen Kerngeschäfts der Unternehmen verglichen habe. Die zweite Veröffentlichung war eine empirische Arbeit zu den Zielen der Corporate Entrepreneurship Aktivitäten in unterschiedlichen Unternehmen: Wer formuliert diese Ziele und wie spezifisch sind diese Ziele formuliert? Daraus ergab sich eine 4×3-Matrix, die einerseits Unterschiede zwischen den Zielen der verschiedenen Corporate Entrepreneurship Aktivitäten erkennen ließ und andererseits, je nach Formulierung der Ziele, einen Hinweis darauf gab, ob die Bemühungen erfolgreich waren oder nicht.

Können Sie ein konkretes Beispiel für diese Corporate Entrepreneurship Aktivitäten nennen?

Lang: Diese Aktivitäten können auf verschiedene Arten und Weisen ablaufen. Entweder die Unternehmen arbeiten mit externen Start-ups zusammen, investieren in diese oder nutzen die Start-ups als Lieferquelle. Ein Beispiel dafür wäre die Innovationsplattform STARTUP AUTOBAHN von Daimler. Daimler versucht Start-ups mit neuem Technologiewissen und Unternehmen mit umfassender Branchenexpertise im Automobilbereich zu bestimmten Problemstellungen zusammen zu bringen. So werden einige Start-ups ausgewählt und diese arbeiten dann über einen bestimmten Zeitraum an einem vorgegebenen Problem. Ziel ist es, neue Lösungen und innovative Partner:innen zu finden, mit welchen im Rahmen eines Kooperationsprojektes oder einer Investition weiter zusammengearbeitet werden kann. Die andere Möglichkeit ist, dass Unternehmen die Innovationen intern erzeugen. Das heißt, die eigenen Mitarbeiter:innen können Ideen vorstellen und am Ende vielleicht selbst ein Start-up gründen, das unmittelbar an das etablierte Unternehmen angebunden ist. Hier haben beispielsweise Continental oder SAP entsprechende Aktivitäten.

Was erhoffen Sie sich aus Ihrer Forschung für den kompletten Fachbereich?

Lang: Das Corporate Entrepreneurship ist im Vergleich zu anderen Forschungsfeldern relativ jung, hat aber in den letzten zehn Jahren ein starkes Interesse sowohl in der Wissenschaft als auch in der Praxis erfahren, weil das von vielen Unternehmen genutzt wird, um das Zukunftsgeschäft aufzubauen. Das ist ein Mittel zum Zweck, um das gesamte Unternehmen weiterzuentwickeln. Es gibt aber keinen Blueprint, an dem sich die Unternehmen orientieren können, deshalb wurden viele individuelle Initiativen gestartet, wodurch eine große Heterogenität entstanden ist. Über hohe Fallzahlen konnte man Muster im Aufbau der Aktivitäten feststellen. Meine Hypothese ist, dass die einzelnen Corporate Entrepreneurship Aktivitäten Hand in Hand mit der Unternehmensstrategie gehen müssen, um erfolgreich zu sein. Ich erhoffe mir nun aufgrund meiner Forschung beschreiben zu können, wie das Corporate Entrepreneurship ein Teil der Unternehmensstrategie sein kann und wie ein Managementregelkreis aussehen kann, sodass die Corporate Entrepreneurship Aktivitäten das liefern, was sich das Unternehmen davon erhofft. Also konkret soll den Manager:innen von etablierten Unternehmen ein Werkzeug an die Hand gegeben werden, wie sie die Corporate Entrepreneurship Aktivitäten steuern können, sodass Erwartungen erfüllt werden, sodass Ergebnisse erzielt werden, die in die Unternehmensstrategie passen und sodass Ressourcen effektiv eingesetzt werden können. Dadurch wird Corporate Entrepreneurship langfristig zu einem strategischen Innovationsinstrument in Unternehmen.

Sie promovieren an einer Hochschule. Welche Besonderheiten bringt das mit sich?

Lang: Die Promotion läuft allgemein betrachtet so ab, dass ich über einen Zeitraum hinweg an einem Thema arbeite, und die Dissertationsschrift, die dann als Produkt herauskommt, reiche ich bei einer Fakultät ein. Diese bewertet die Dissertation und spricht den Doktortitel aus. Wie in den meisten Bundesländern haben in Baden-Württemberg Stand heute ausschließlich Universitäten ein Promotionsrecht und Hochschulen sind nicht berechtigt, den Doktortitel auszusprechen. Bereits vor einiger Zeit haben sich in Baden-Württemberg forschungsstarke Professor:innen für ein qualitätsgesichertes Promotionsrecht stark gemacht. So gibt es an der HTWG seit über zehn Jahren ein kooperatives Promotionskolleg, das eine qualitätsgesicherte Betreuung und Vernetzung ihrer Mitglieder unterstützt. Das heißt, Doktorand:innen sind einerseits in ein Institut an der Hochschule eingebunden und haben andererseits eine kooperierende Universität, an der sie schlussendlich die Promotionsprüfung ablegen. Dementsprechend hat man zwei Doktorväter oder Doktormütter. Ich arbeite und forsche hier an der Hochschule Konstanz und meine Kooperationsuniversität ist die TU Delft in den Niederlanden. 2021 hat das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg nun beschlossen, das Promotionsrecht für Hochschulen über einen zentralen Promotionsverband umzusetzen. So wird es künftig neben der kooperativen Promotion, wie ich sie in Konstanz und Delft absolviere, eine weitere Möglichkeit geben an einer Hochschule der angewandten Wissenschaften zu promovieren.

Das heißt, Sie haben an der Universität in Delft keine weiteren Verpflichtungen, wie zum Beispiel das Halten von Lehrveranstaltungen?

Lang: Genau, es gibt Universitäten, die spezielle Programme für die Promotion von externen Doktorand:innen anbieten. Es gibt zwar Auflagen, die ich erfüllen muss, aber ich habe als Externe keine Lehre oder Projektarbeit an der TU Delft.

Wie funktioniert die Organisation einer kooperativen Promotion? Ist es schwierig zwei Doktorväter/Doktormütter zu finden?

Lang: Die Wissenschaft ist in Communities organisiert. Das heißt, hinter jedem Institut und jedem Lehrstuhl steht ein Professor/eine Professorin, der/die ein gewisses Netzwerk hat, in der Wissenschaftscommunity verankert ist und Kontakt zu anderen Universitäten und Professor:innen pflegt. Ich musste mich also nicht eigenverantwortlich auf die Suche nach einer kooperativen Universität machen, sondern ich habe meinen zweiten Doktorvater über meinen Betreuer hier an der HTWG kennengelernt.

Sehen Sie Vor- oder Nachteile in einer kooperativen Promotion gegenüber einer „normalen“ Promotion?

Lang: Ich sehe keine Nachteile, denn am Ende, wenn man die Dissertationsschrift in den Händen hält, lässt sich aus meiner Sicht nicht erkennen, ob die Promotion kooperativ ablief oder nicht. Der Prozess, den man durchläuft, ist vielleicht ein bisschen aufwendiger, weil man mehr abstimmen muss. Die Forschung und die Dissertationsschrift müssen für beide Doktorväter in Ordnung sein. Ich sehe das aber eher als Vorteil zwei Doktorväter zu haben, denn es eröffnet zwei Perspektiven und ich kann von beider Kompetenzen und Erfahrungen profitieren. Gerade, wenn man in Diskussionen ist und die Forschung weiterentwickeln will, hilft es mehrere Perspektiven auf ein Thema zu haben. Es ist definitiv wichtig, denke ich, dass die beiden Betreuer:innen sich kennen, mit einander reden können und grundsätzlich in die gleiche Richtung blicken.

Wie ist denn das Verhältnis zu Ihren beiden Doktorvätern?

Lang: Mit meinem Doktorvater hier in Konstanz habe ich ein enges Verhältnis, wir treffen uns regelmäßig zu einem Jour-Fixe. Die Intensität des Betreuungsverhältnisses ändert sich im Verlauf der Promotion. Am Anfang habe ich viel Input von meinem Doktorvater bekommen, in welche Richtung meine Forschung gehen könnte und welche Themen die Praxis und die Wissenschaft gerade beschäftigen. Über Brainstorming und Diskussionen haben wir gemeinsam das Problem und die Forschungsfrage erarbeitet. Auch mit meinem Betreuer aus Delft arbeite ich eng zusammen. Wir veröffentlichen zusammen und haben regelmäßig Kontakt. Das ist aber von Doktorand:in zu Doktorand:in verschieden.

Wie ist die Stimmung an Ihrem Institut in Konstanz im Allgemeinen?

Lang: Wir sind in der Regel drei bis vier Doktorand:innen, die gleichzeitig am Institut promovieren und bei uns steht der Teamgedanke im Vordergrund. Es ist bewusst so gestaltet, dass wir alle in unterschiedlichen Stadien der Promotion sind. Dadurch kann ein Erfahrungsübertrag stattfinden und wir können von- und miteinander lernen. Einerseits haben wir alle unser eigenes Promotionsthema aber andererseits arbeiten wir auch gemeinsam an Forschungsprojekten und Themen. Bei uns gilt der Gedanke „Einer für Alle und Alle für Einen“. Natürlich muss jeder für sich selbst durch den Promotionsprozess durch, aber wir wissen, dass dieser Weg Höhen und Tiefen hat. Der gesamte Prozess der Promotion wird von vielen Unsicherheiten begleitet. Man startet mit einer Fragestellung und weiß nicht, welches Ergebnis am Ende herauskommt. Es hilft dann einfach ungemein, nicht alleine zu sein. Stattdessen können wir gegenseitig unsere Stärken und Schwächen ausgleichen und uns unterstützen. Natürlich sind wir alle zielstrebig und lernorientiert und wollen gute Veröffentlichungen einreichen aber wir finden auch die Balance, Spaß und Freude an der Arbeit zu haben. Konkurrenzdenken untereinander spielt bei uns keine Rolle.

Wie findet diese gegenseitige Unterstützung konkret statt?

Lang: Wir machen zum Beispiel sechs Mal im Jahr ein Doktorand:innenseminar. Da setzen wir uns für zwei Tage zusammen und jeder/jede stellt den aktuellen Stand und die nächsten Schritte der jeweiligen Forschungsarbeit vor. Wir diskutieren das gegenseitig, stellen Fragen, haben Ideen, wie man das Thema vorantreiben könnte, und hinterfragen auch kritisch. Da profitieren wir dann von unserem Generationenmodell, weil diejenigen, die schon weiter sind, ihr Wissen und ihre Erfahrungen teilen können.

Welche Aufgaben bestimmen Ihren Arbeitsalltag am Institut?

Lang: Bei uns am Institut gibt es vier wesentliche Aufgabenblöcke: Die Forschung, die jeder/jede einzelne macht, die Lehre, Kooperationen mit Unternehmen und die Start-up-Initiative der Konstanzer Hochschulen. Im Bereich der Forschung wird von uns erwartet, dass wir pro Jahr mindestens eine Veröffentlichung schreiben. Da muss ich dann rechtzeitig planen, worüber ich schreibe, wie ich Daten generieren und wie ich diese auswerten kann. Die Kooperationen mit der Industrie haben zum einen das Ziel Kontakte in die Praxis zu knüpfen und zum anderen das Wissen, das wir generieren auch in die Industrie zurückzutransferieren. Die Einbindung in die Lehre zielt hingegen darauf ab, optimal auf den Karriereweg einer Professur vorbereitet zu sein und in diesem Bereich Erfahrungen zu sammeln.

Arbeiten Sie parallel an allen vier Aufgabenblöcken?

Lang: Ja, jedoch in unterschiedlicher Intensität. Das ändert sich im Verlauf der Promotionszeit. Am Anfang geht es erst einmal darum sich in der Forschung zurechtzufinden, sich in Themen einzulesen und einen Aspekt herauszuarbeiten, der einen interessiert, aus dem sich eine gute Forschungsfrage ableiten lässt und der sich grundsätzlich für eine Promotion eignet. Auch die Lehre baut sich langsam auf. Zu Beginn gibt man vielleicht ein Tutorium, die größeren Verpflichtungen, wie eine Vorlesung, folgen dann später. In den Industrieprojekten und bei der Start-up-Initiative übernimmt man ebenfalls mehr Verantwortung, je länger man am Institut ist. Ab Mitte der Promotionszeit legt man den Hauptfokus dann auf die Dissertation und die übrigen Verpflichtungen werden weniger.

Was bestimmt aktuell Ihren Arbeitsalltag am meisten?

Lang: Ich würde sagen eines der Unternehmensprojekte. Auch die Forschungstätigkeit und die Start-up-Initiative spielen eine Rolle. Lehre gebe ich in diesem Semester nur alle zwei Wochen, also das bestimmt meinen Arbeitsalltag weniger. Das wirkt jetzt wahrscheinlich sehr vielfältig, aber das ist genau das, was das Institut hier ausmacht. Es wird versucht einen Anwendungsbezug herzustellen und auf dem Weg zur Promotion viele Lernmöglichkeiten zu eröffnen. Man absolviert einen Blumenstrauß an Aktivitäten und hat am Ende einen Blumenstrauß an Erfahrungen und Wissen gesammelt.

Wo sehen Sie Ihre berufliche Zukunft in zehn Jahren?

Lang: Ich werde voraussichtlich 2024 mit meiner Promotion fertig und würde dann gerne erstmal in der Industrie arbeiten. Aber in zehn Jahren sehe ich mich eher wieder an einer Hochschule mit einer Professur. Es wäre mein Ziel später mit einem Fuß in der Wirtschaft und mit einem Fuß in der Wissenschaft zu stehen.

Sie sagten vorhin, es werde erwartet, dass Sie mindestens ein Paper pro Jahr veröffentlichen. Spüren Sie da einen gewissen Publikationsdruck oder ist das gut machbar?

Lang: Ein Paper pro Jahr ist meiner Meinung nach gut machbar, ohne dass ich von Publikationsdruck sprechen würde. Das ist auch „nur“ die Mindestanforderung. Ich habe, weil ich sehr neugierig bin, schon mehr geschrieben. Das ist durchaus möglich, da die Erstellung eines Papers zumeist nicht alleine, sondern in einem Autor:innenkonsortium erfolgt. Zudem bietet jedes Paper wertvolle Lernerfahrungen für wissenschaftliches Schreiben und den Prozess von der Planung eines neuen Papers bis hin zur finalen Einreichung.

Sie sprachen von Höhen und Tiefen, die jeder/jede während der Promotion durchläuft. Erinnern Sie sich an Ihre Höhen und Tiefen?

Lang: Es gibt aus meiner Sicht nicht diese eine Höhe und diese eine Tiefe, das kommt immer auf die persönlichen Neigungen an. Ich bin zum Beispiel sehr kreativ und neugierig. Es fällt mir leicht Ideen zu entwickeln und mir Themen oder Unterthemen für die Dissertation zu überlegen. Die Herausforderung für mich ist dann das Ganze zu fokussieren. Eine Dissertation geht in die Tiefe, das ist wie die wissenschaftliche Nadel im Heuhaufen zu finden. Man identifiziert eine Forschungslücke und untersucht diese im Detail. Sozusagen ein ganz kleiner Punkt in einem riesigen Puzzle. Mir fällt es da schwer das Wesentliche zu fokussieren und den Überblick zu behalten. Aufgrund dessen habe ich es einmal nicht geschafft, ein Paper rechtzeitig einzureichen. Das heißt, ich habe ein Jahr lang nichts veröffentlicht. Das war dann schon ein Tiefpunkt und nagte an mir. Ein Höhepunkt war es dann wiederrum als das Paper im darauffolgenden Jahr veröffentlicht wurde und dann umso besser war. Mittlerweile habe ich drei Paper veröffentlicht, die zusammenhängen und einen roten Faden haben. Festzustellen, dass die eigene Forschung auf einem guten Weg ist, ergibt dann einen immensen Höhenflug.

Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Voraussetzung für das Gelingen einer Promotion und vielleicht auch dafür die von Ihnen beschriebenen Tiefpunkte zu überwinden?

Lang: Das funktioniert, wenn man eine intrinsische Motivation hat. Extrinsische Motivation wäre zu sagen, es geht mir ausschließlich um den Titel. Das spielt natürlich auch eine Rolle. Ich würde lügen, würde ich sagen, ich mache die Promotion nicht wegen des Titels. Aber mich interessiert eben auch das Thema. Ich bin ein neugieriger Mensch, ich möchte etwas Neues herausfinden, ich möchte jedes Detail eines Themas kennen, ich will kritisch nachfragen und kritisch überdenken. Ich glaube, diese intrinsische Motivation braucht man, um über einen Tiefpunkt hinweg zu kommen oder auch mal Nachtschichten einzulegen, um beispielsweise ein Paper rechtzeitig zur Deadline fertigzustellen.

Welche Rolle spielt die Finanzierung einer Promotion? Was sagen Sie zu dem Argument, dass man in der freien Wirtschaft viel mehr verdienen kann?

Lang: Klar, eine Promotion ist eine Ausbildung und in dieser Zeit wird man nicht reich. Für mich zählt die Optionsvielfalt, die sich mir durch die Promotion für mein Berufsleben eröffnet, mehr als das Geld, das ich in dieser Zeit verdiene. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich eine Promotion später auszahlt. Man muss sich genau anschauen, was es für verschiedene Finanzierungsmodelle an den Instituten für die Zeit der Promotion gibt. Ich habe zum Beispiel ein Stipendium aus der Industrie.

Würden Sie Masterstudierenden eine Promotion empfehlen?

Lang: Das kommt darauf an, was die Motivation ist. Aus meiner Sicht würde ich eine Promotion nur dann empfehlen, wenn man eine bestimmte intrinsische Motivation dazu für sich finden kann, wenn man die Frage, warum will ich das machen, durchdacht hat und sich über Jahre hinweg für den Prozess begeistern kann. Wenn man die Antworten auf die Frage nach dem Antrieb für sich gefunden hat, würde ich die Promotion auf jeden Fall empfehlen, weil aus meiner Sicht gibt es direkt nach dem Studium wenige Möglichkeiten die Lernkurve über eine lange Zeit so extrem steil zu halten, wie während einer Promotion. Zudem bietet eine Promotion ein sehr lernorientiertes und fehlertolerantes Umfeld, statt ausschließlich leistungsorientiert zu sein. Man kann seinen Interessen nachgehen und neue Sachen einfach einmal ausprobieren.

Das Gespräch führte Redakteurin Carolin Heilig am 23.05.2022.

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