Wie Wissenschaft uns die Gesellschaft erklärt
Dr. Lara Bister hat 2025 den ersten Preis des Deutschen Studienpreises in der Kategorie Sozialwissenschaften für ihre Dissertation zu Wirtschaftskrisen und Gesundheit in Familien erhalten. Im Gespräch mit Hochschul-Job.de verrät sie, warum ihre Forschungsthemen jeden von uns betreffen, gibt ehrliche Einblicke in ihre Promotionszeit und Tipps für die Teilnahme an Wissenschaftspreisen.

Die Sozialwissenschaftlerin untersuchte erstmals die Langzeitfolgen der ostdeutschen Wirtschaftskrise für die sogenannten „Wendekinder“. Sie belegte, dass sich die Krise negativ auf den Stoffwechsel und psychische Gesundheit der Wendekinder, vor allem auf Frauen, auswirkte. Mit ihrer Analyse macht Dr. Lara Bister sichtbar, wie stark sich früher Krisenstress auf die lebenslange Gesundheit von Menschen auswirken kann. Besonders jetzt, in weltpolitisch instabilen Zeiten, verdeutlichen ihre Erkenntnisse die Notwendigkeit einer präventiven Sozial- und Gesundheitspolitik zur Unterstützung von Kindern und Familien.
Faszination Sozialwissenschaften
Was schätzen Sie an Ihrer Fachrichtung?
Dr. Lara Bister: „Ich finde es total spannend, dass die Sozialwissenschaften Themen behandelt, die uns alle betreffen. Ich forsche zu Familiendynamiken, Stress im Familienkontext und Gesundheit. All diese Themen hat jeder von uns schon erlebt, oder kennt Menschen, die das erlebt haben. Ich finde die Mischung super spannend, dass das einerseits Themen sind, die uns im Alltag begegnen. Andererseits können wir darüber noch viel lernen, das hat mich für meine Arbeit immer sehr motiviert. Gleichzeitig verliert man auch nicht den Relevanzbezug.“
Vom Praktikum zur Promotion
Warum haben Sie sich für den Weg der Promotion entschieden?
Dr. Lara Bister: „Der Weg zur Promotion hat sich für mich eher ergeben. Anfangs hatte ich die Möglichkeit überhaupt nicht im Hinterkopf, weil in meiner Familie niemand diesen Weg gegangen ist. Die meisten haben eine praktischen Arbeitsbezug. In meinem Bachelorstudiengang hatte ich dann ein Forschungsprojekt, das über zwei Semester ging und wir in einer Gruppe eine kleine, komplette empirische Studie aufgezogen haben und auch die Daten ausgewertet haben. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Nach dem Bachelor habe ich dann noch einen Blick in die Industrie gewagt und habe dabei gemerkt, dass auch wenn die KollegInnen nett sind, man tolle Benefits bekommt und das Gehalt je nach dem was man in der Industrie macht auch deutlich höher ausfällt, mir das Interesse am Arbeitsinhalt gefehlt hat.“
„Am Forschen mag ich, dass man sich in ein Thema en detail hineingraben kann.“ – Dr. Lara Bister
Dr. Lara Bister: „In der Industrie fand ich es schade, dass man nicht die Zeit hat sich tief in Themen hineinzuarbeiten. Das mag ich am Forschen, dass man eben ein Thema hat und sich sozusagen en detail hineingraben kann. Während ich den ersten Master gemacht habe, hatte ich noch gar nicht so wirklich den Gedanken, dass ich promovieren muss. Ich habe meine Masterarbeit im Rahmen eines Praktikums zusammen mit dem Max-Planck-Institut in Rostock geschrieben. Da habe ich gemerkt, dass diese Arbeit etwas ist, in der ich total aufgehe und die mir Spaß bereitet. Nach dem Masterprogramm in Barcelona, als ich mich dann auch methodisch sicherer gefühlt habe, habe ich entschieden, dass ich gerne den Weg der Promotion gehen möchte.“

Was waren Hoch und Tiefs während der Promotion?
Dr. Lara Bister: „Ein großes Tief war auf jeden Fall wie viel ich allein an meinem Thema gearbeitet habe. Auch wenn ich kumulativ promoviert habe, das heißt empirische Artikel mit wissenschaftlichen KollegInnen zusammen bearbeitet habe, ist es am Ende das eigene Projekt. Man arbeitet wenig in gemeinsamen Treffen, auch wenn man sich abspricht und sich gegenseitig Feedback gibt. Das war für mich ein Tief. Dann kam auch noch die Corona-Pandemie hinzu. Ich war einfach viel allein und auf mich selbst gestellt.“
Dr. Lara Bister: „Ein Hoch war für mich mit wie viel Leidenschaft ich diesen Beruf ausüben konnte und wie viel Freude mir das bereitet hat. Das hatte ich glaube ich noch nie vorher in einem Arbeitskontext. Im Prinzip ist das eine Aufgabe, die ich gerne gemacht habe und dafür auch Geld bekommen habe. Ich hatte eine richtig große Eigenmotivation.“

Wie haben Sie sich für Ihr Dissertationsthema entschieden?
Dr. Lara Bister: „Meine Dissertation hat das große übergeordnete Thema „Wirtschaftskrisen und Gesundheit im Familienkontext“. Das Thema Wirtschaftskrisen fand ich seit langem sehr interessant. Das Überthema war von der Professorin, welche die Stelle ausgeschrieben hatte, vorgegeben. Da ging es um Wirtschaft und Gesundheit sowie eigentlich Sterblichkeit. Ich habe mich dann eben beworben und gesagt, dass ich den Fokus gerne auf Familien und das Familienumfeld legen würde, weil ich das schon im Studium spannend fand. Die Professorin war einverstanden und dann konnte ich aus der anfänglichen Themenidee der Professorin ein eigenes Projekt machen.“
Welchen Mehrwert erhoffen Sie sich aus ihrer Dissertation für das gesamte Forschungsfeld?
Dr. Lara Bister: „In der Forschung ist es ja so, dass man Grundlagenforschung um der Forschung willen macht, um Unklarheiten zu beseitigen. Es hat mich aber enorm motiviert, dass das Themen waren, die in meinen jungen Lebensjahren auch schon relevant waren und zu denen ich auch einen Bezug hatte. Zum Beispiel habe ich ein Kapitel in meiner Dissertation zur Wirtschaftskrise 2008 geschrieben und da erinnere ich mich ja noch selbst daran. Was in der Zeitung oder in den Nachrichten gesagt wurde, dass sich meine Eltern viel darüber ausgetauscht haben. Das ist toll, dass man an Sachen arbeitet, die im echten Leben auch passiert sind und Relevanz haben. Ich habe mir auch angeschaut, wie sich die Gesundheit der Wendekinder entwickelt hat, darauf habe ich auch sehr viel Resonanz bekommen, dass das sehr wichtig ist, dass man das mal erforscht. Das hat mich natürlich motiviert.“

Wie sahen die Resonanzen auf Ihre Dissertation aus?
Dr. Lara Bister: „Tatsächlich habe ich einige Anfragen bekommen bei zivilgesellschaftlichen Initiativen Vorträge zu halten. Da stehen jetzt auch noch ein paar Termine an. Ich hatte auch ein Gespräch mit einem Abgeordneten aus dem Bundestag dazu. Also es gibt schon Interessensgruppen zur Thematik der Wendekinder. Aber so richtig in die Umsetzung gekommen ist meines Wissens nach jetzt noch nicht so viel. Am Ende sind es auch abstrakte Themen. Es ist gut, dass der Fokus darauf gelenkt wird, aber ich habe am Ende auch sehr breit geforscht. Vielleicht kann man das gar nicht so genau in eine politische Maßnahme umsetzen, was ich mit meiner Forschung herausgefunden habe.“
Aktuelle Forschung & Arbeitstag
Wie sieht Ihre aktuelle Forschung aus?
Dr. Lara Bister: „In meiner jetzigen Stelle forsche ich zu Familiendiversität und Gesundheit. Wir schauen uns an, wie sich Familienstrukturen wie zum Beispiel geschiedene Eltern, Patchworkfamilien, Stieffamilien oder Halbgeschwister-Set-Ups auf die Gesundheit verschiedener Menschen auswirken. Zu der Thematik mit den Wendekindern haben sich auch noch neue Projekte und Themen ergeben. Außerdem bin ich noch in ein Forschungsprojekt involviert, in dem es um die Behinderung von Kindern und die Auswirkungen auf deren Geschwister und Eltern geht. Alles nach wie vor im Themengebiet Stress innerhalb der Familie und Gesundheit.“
Wie sieht ein klassischer Arbeitstag bei Ihnen aus?
Dr. Lara Bister: „Morgens setze ich mich meistens hin und überlege erstmal, was an dem Tag ansteht. Ich habe aber ziemlich unterschiedliche Aufgaben. Heute ist vielleicht ein schönes Beispiel. Morgens habe ich meistens Meetings mit KollegInnen. Danach habe ich heute geplant, dass ich am Computer Daten analysiere. Mittags habe ich nochmal ein Mittagessen-Meeting, in dem wir einen Artikel eines Kollegen besprechen. Nachmittags werde ich weiter Datenanalyse machen und meine Lehre vorbereiten. Einmal die Woche unterrichte ich einen Masterkurs an der FU. Ich finde die Lehre sehr interessant. Ich habe auch während meiner Promotionszeit sehr viel unterrichtet. Das finde ich super spannend und wichtig. Vor allem ist der Austausch mit den Studierenden sehr erfrischend. Mich interessiert, was Menschen bewegt, die gerade in ihrem Masterstudium sind. Und was auch für Themen der Studierenden in Bezug auf meinen Forschungsbereich aufkommen.“
Tipps für den Deutschen Studienpreis

Würden Sie anderen die Teilnahme am Studienpreis empfehlen?
Dr. Lara Bister: „Das kommt darauf an, wie viel Zeit und Lust man hat nochmal Kraft in die Bewerbung reinzustecken. Generell würde ich es aber schon empfehlen. Man schreibt für den Studienpreis eine Art Aufsatz über seine Dissertation, um diese zusammenzufassen und in einen gesellschaftlichen Kontext zu rücken. Ich habe dadurch nochmal total viel über meine eigene Forschung gelernt. Wenn man es dann in die Auswahlrunde schafft, unter die letzten 10 FinalistInnen, ist es spannend welche Menschen man kennenlernt. Die anderen KandidatInnen, die mit mir vorgesprochen haben, machen auch total interessante Forschungen und ich habe tolle Persönlichkeiten kennenlernen dürfen, mit denen ich auch jetzt noch in Kontakt bin. Auch dafür lohnt sich das. Insgesamt war es eine sehr positive Erfahrung für mich, aber natürlich auch mit Arbeit verbunden. Ich habe auch von einigen Bekannten und FreundInnen gehört, dass sie mit ihrer Dissertation gerne abschließen möchte und nicht mehr reingucken und einen Aufsatz darüber schreiben möchten.“
Haben Sie Tipps für die Teilnahme an Wissenschaftspreisen?
Dr. Lara Bister: „Es gibt ja mehrere Dissertationspreise. Ich habe mich auch auf ein paar andere beworben und diese nicht bekommen. Ich glaube es ist ganz wichtig zu überlegen, passt der Preis zu mir, zu meiner Dissertation, zu meinem Forschungsthema. Und passt auch der Aufwand zu mir und zu meinem jetzigen Alltag. Weil wenn es sehr viel Aufwand ist und man die Zeit eigentlich nicht hat und auch nicht aufbringen möchte, dann ist die Bewerbung zusätzlicher Stress. Zusätzlich ist es glaube ich ganz wichtig, dass man sich nicht von Rückschlägen demotivieren lässt. Man hat ja eine fertige Promotionsarbeit geschrieben. Nur weil man bei solchen Preisen nicht in die engere Auswahl kommt und nicht gewinnt, heißt das nicht, dass die Arbeit schlecht ist. Das liegt oft auch an den individuellen Präferenzen der Jury. Häufig habe ich von solchen Preisen die Rückmeldung gehört, dass man so viele gute Einreichungen hatte, dass es sowieso schwierig ist etwas auszuwählen. Ganz wichtig ist auch sich einfach immer zu bewerben. Man kann auch nichts gewinnen auf das man sich nicht beworben hat. Das ist ein ganz guter Gedanke finde ich.“
Mit dem Deutschen Studienpreis werden vor allem junge WissenschaftlerInnen ausgezeichnet – Finden Sie solche Preise sinnvoll?
Dr. Lara Bister: „Einerseits ja, weil es einem die Möglichkeit gibt eine Arbeit, in die man sehr viel Zeit und Energie gesteckt hat und vielleicht auch Opfer gebracht hat, nochmal zu würdigen. Andererseits sehe ich solche Preise auch etwas kritisch, weil ich finde, dass wir sowieso in einem sehr konkurrenzlastigen Umfeld arbeiten und Preise verstärken diesen Effekt nochmal. Das nehme ich auch selber so wahr, wenn man etwas selbst nicht gewinnt, dann aber sieht das die Kollegin das gewonnen hat. Man gönnt das der Person natürlich schon, aber man hat direkt das Gefühl, dass man jetzt selbst einen Nachteil hat. Man hat auch Sorgen, dass man in Zukunft vielleicht deshalb eine Stelle nicht bekommt, weil es eben so wenig feste Stellen auf dem Wissenschaftsmarkt gibt. Es ist ein Für und Wider. Ich glaube es wäre schön, wenn es allgemein mehr Perspektiven für junge WissenschaftlerInnen gäbe. Dann könnte man solche Preise auch nochmal anders genießen.“
Das Interview führte Redakteurin Hanna Uhl am 28. Januar 2026.
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