Pflegewissenschaft im Wandel
Prof. Dr. Gabriele Meyer über Akademisierung, Forschung und Karrierechance in der Pflege
Die Disziplin der Pflegewissenschaft gewinnt in Deutschland zunehmend an Bedeutung: Kürzlich wurde die Pflegewissenschaft erstmals explizit als eigene Disziplin in die Fächerstruktur der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) aufgenommen. Neue Studiengänge entstehen und immer mehr Forschungsprojekte kommen in Gang. Im Gespräch mit Hochschul-Job.de spricht Prof. Dr. Gabriele Meyer über die historische Entwicklung der Profession bis zur heutigen Akademisierung des Pflegeberufs, welche strukturellen Probleme aktuell noch herrschen und warum sich der Weg als hochschulisch qualifizierte Pflegefachperson lohnt.

Wer mehr über die Schwesterdisziplin Gesundheitswissenschaften erfahren möchte findet hier einen Ratgeber zu Studium und Karriere. Über ihre Promotion im Bereich Gesundheitswissenschaften an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften klärt Janine Jänisch hier auf.
Entwicklung der Pflegewissenschaft in Deutschland
Wie hat sich die Pflegewissenschaft in Deutschland historisch entwickelt?
Prof. Dr. Gabriele Meyer: „Studiengänge des Pflegemanagements und der Pflegepädagogik gibt es in Deutschland schon seit den 70er Jahren. Dann fing es langsam an, dass auch erste Studiengänge der Pflegewissenschaft und die dazu gehörigen Professuren aufgebaut wurden. Jeder Lebensbereich und jede Profession braucht eine Bezugswissenschaft, um sich weiterentwickeln zu können. Forschung ist die Grundlage für Fortschritt. Bei uns hier an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg gibt es seit 1996 ein Studium der Pflegewissenschaft, zunächst als Diplom, später die Bachelor- und Masterprogramme. In Halle gab es bereits in der DDR einen entsprechenden Studiengang. Langsam hat sich in den letzten Jahren an medizinischen und gesundheitswissenschaftlichen Fakultäten die Ansicht durchgesetzt, dass die Pflegewissenschaft eine Bereicherung ist.“

Anfang April wurde die Pflegewissenschaft in die DFG-Fächerstruktur aufgenommen – Was bedeutet das für Ihr Fach?
Prof. Dr. Gabriele Meyer: „Wenn ein Fach, wie jetzt die Pflegewissenschaft, in den Fächerkanon der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) aufgenommen wird, heißt das, dass ein gewisser Antragsdruck erzeugt wurde. Mit anderen Worten, in den letzten Jahren haben Kolleginnen und Kollegen der Pflegewissenschaft bei der DFG vermehrt Anträge eingereicht. Passiert das nicht, wird ein Fach nicht extra ausgewiesen. Mit der wachsenden Anzahl der Anträge auf Forschungsförderung hat die Pflegewissenschaft Sichtbarkeit erlangt. Das ist jedoch auch der Hinweis darauf, dass wir die pflegewissenschaftliche Kompetenz haben, qualifizierte Anträge bei der DFG einzureichen. Das hat sich über die Jahre entwickelt. Etliche Informationsveranstaltungen wurden in den letzten Jahren abgehalten und PflegewissenschafterInnen ermutigt, sich dem Wettbewerb, um die Drittmittel der DFG zu stellen.“

Wie sieht Ihre Funktion bei der DFG aus?
Prof. Dr. Gabriele Meyer: „Es ist schön, dass ich als Fachkollegiatin eine Rolle bei der DFG einnehmen darf. Fachkollegiatin zu sein heißt, von den promovierten WissenschaftlerInnen in Deutschland gewählt worden zu sein, um die Arbeit der DFG zu unterstützen. Durch Mitwirkung an Entscheidungen über die Vergabe von Fördermitteln und an der Qualitätssicherung der Forschung und ihrer Instrumente. Ich wirke in zweiter und damit letzter Amtsperiode mit im Fachkollegium Medizin, im Fachbereich Public Health, Gesundheitsbezogene Versorgungsforschung, Sozial- und Arbeitsmedizin. Eine aktive Vertretung der Pflegewissenschaft im Fachkollegium zu haben, bedeutet ebenfalls eine Steigerung der Wahrnehmung unserer Disziplin.“
Nach der Aufnahme in die Fächerstruktur – Was sind die nächsten Schritte?
Prof. Dr. Gabriele Meyer: „Jetzt, nachdem unser Fach benannt ist, kommt es darauf an, auch bei der nächsten Wahl dafür zu sorgen, dass eine forschungskompetente Vertretung als FachkollegiatIn aus der Pflegewissenschaft dabei ist. Es ist den promovierten WissenschaftlerInnen in Deutschland im Sinne der Selbstverwaltung überlassen, ihre VertreterInnen zu wählen. Dafür bekommen die promovierten WissenschaftlerInnen eine Wahlaufforderung. Die Neuerung der Aufnahme der Pflegewissenschaft in die Fächerstruktur kann die Sichtbarkeit weiter erhöhen und noch mehr ermutigen, sich mit Anträgen um Fördermittel an die DFG zu wenden. Mehr Auswirkungen hat das jetzt erstmal nicht. Die Entscheidung heißt nicht, dass das Geld automatisch fließt, sondern wir müssen schon etwas dafür tun, um an der Fördermittelgabe zu partizipieren.“
Karriere in der Pflegewissenschaft
„Obwohl wir in der medizinischen Fakultät angesiedelt sind, sind wir im Universitätsklinikum Gast und nicht in die Versorgung von PatentInnen eingebunden.“
Prof. Dr. Gabriele Meyer
Neben Ihrer Tätigkeit in der DFG sind Sie hauptamtlich Professorin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Wie sieht Ihre Arbeit dort aus?
Prof. Dr. Gabriele Meyer: „Meine Tätigkeit ist sehr vielfältig. Das Institut ist groß mit über 40 MitarbeiterInnen. Wir bearbeiten Drittmittel-geförderte Projekte, in die ich in Leitungsfunktionen oder beratend eingebunden bin. Unsere Studien werden mehrheitlich in der ambulanten und stationären Langzeitpflege durchgeführt, aber auch in Krankenhäusern. Obwohl wir in der medizinischen Fakultät angesiedelt sind, sind wir im Universitätsklinikum Gast und nicht in die Versorgung von PatientInnen eingebunden.

Zu meinen üblichen Aufgaben gehört das Verfassen von Projektanträgen, Gutachten, Stellungsnahmen und Publikationen. Ich begleite die jungen NachwuchswissenschaftlerInnen bei der Anfertigung ihrer Dissertationsschrift und natürlich mache ich Lehre im Bachelor, Master- und Promotionsprogramm. Ich halte Vorträge, organisiere Kongresse und arbeite in externen und internen Gremien und Kommissionen mit. Zur akademischen Selbstverwaltung gehören zum Beispiel die Mitarbeit im Promotionsausschuss, in der Ethikkommission, in Berufungskommissionen. Ein größerer Anteil meiner Tätigkeit ist die Institutsleitung. Dazu gehören administrative Tätigkeiten und Budgetverwaltung, Personalakquise und andere Personalvorgänge. Auch in Fachgesellschaften bin ich aktiv, zum Beispiel als Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft. Ich bin auch seit vielen Jahren Herausgeberin der Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen.“
Ursprünglich kommen Sie aus der Pflegepraxis, haben lange als Krankenschwester gearbeitet und dann Lehramt studiert. Wie sind Sie in der Wissenschaft gelandet?
Prof. Dr. Gabriele Meyer: „Im Jahr 1992, als ich entschlossen hatte, mich durch ein Studium weiter zu qualifizieren, gab es keine fachwissenschaftlichen Pflegestudiengänge. Pflegepädagogik oder Pflegemanagement wollte ich nicht studieren. Ich habe dann den Studiengang „Gesundheit und Germanistik“ gewählt. Lehrerin wollte ich nicht werden, aber der Studiengang hatte eine starke fachwissenschaftliche Komponente. Kurz vor Ende meines Studiums an der Universität Hamburg wurde eine neue Professorin für die Fachwissenschaft berufen, die sehr spannende Lehre machte. Da habe ich mich relativ schnell für evidence based nursing & medicine interessiert. Bei ihr habe ich dann auch viele Veranstaltungen besucht, die ich eigentlich formal bereits absolviert hatte und da wurde quasi so ein Initialreiz bei mir ausgelöst wissenschaftlich tätig sein zu wollen.
Vor allem bestätigt durch meine Staatsexamensarbeit, die ich damals zum Thema „Der andere Tod – Das Hirntodkriterium und der Umgang mit Hirntod“ geschrieben hatte. Die neue Professorin hatte mich ermutigt, die Arbeit zu veröffentlichen. Insofern war das eine tolle Bestätigung. Nach meinem ersten Staatsexamen, das ich mit Auszeichnung bestanden habe, hat sich die Möglichkeit ergeben als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Gesundheitswissenschaft im Rahmen einer randomisierten, kontrollierten Studie zu beginnen. Da ging es um die Prävention von hüftgelenksnahen Frakturen durch sogenannte Hüftprotektoren, also externen Hüftschutz. So bin ich in der Wissenschaft gelandet. In den sieben Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg habe ich im Verlauf dann selbst schon Drittmittel akquiriert. Zwei Jahre nachdem ich promoviert wurde, habe ich den Ruf auf eine Juniorprofessur an die Universität Bremen angenommen. Von dort ging es an die Universität Witten/Herdecke und schließlich nach Halle (Saale).“

Mittlerweile gibt es immer mehr primärqualifizierende pflegewissenschaftliche Studiengänge – Wie werden diese angenommen?
Prof. Dr. Gabriele Meyer: „Diese Studiengänge waren in der Vergangenheit an vielen Hochschulstandorten eher schlecht frequentiert und nicht ausgelastet. Unter anderem sicherlich, weil an der Pflege interessierte junge Menschen keinen Unterschied zwischen Ausbildung und Studium gesehen haben. Und weil sie bis vor kurzem im Studium auch kein Ausbildungsentgelt erhalten haben. Dann gab es eine Gesetzesnovelle und jetzt bekommen auch die Studierenden der primärqualifizierenden Studiengänge ein Ausbildungsentgelt. Das führt natürlich zu einer erhöhten Attraktivität. Dennoch ist dieses Studium durchaus anspruchsvoll. An unserem Standort in Halle umfasst es 240 credit points. Die Regelstudienzeit beträgt acht Semester. Andere Standorte bieten ein Studium in sechs oder sieben Semestern an. Ich weiß ehrlichgesagt nicht, wie das zu schaffen sein soll. Wir müssen als primärqualifizierender Studiengang die gesetzliche Anforderung umsetzen, die heilkundlichen Bereiche Demenz, chronische Wunden und Diabetes zu vermitteln. Mit anderen Worten ist das Ziel der primärqualifizierenden Studiengänge, der Ausbildungsabschluss zur Pflegefachfrau bzw. zum Pflegefachmann, der Bachelor-Abschluss und die Heilkundebefähigung in drei Bereichen. Da müssen die jungen Leute wirklich sehr leistungsfähig sein. Aber die Zukunftsaussichten mit diesem Abschluss und Qualifikationen sind sehr gut.“
Arbeiten die hochschulisch ausgebildeten AbsolventInnen im gleichen Tätigkeitsbereich wie nach einer herkömmlichen Ausbildung?
Prof. Dr. Gabriele Meyer: „Den AbsolventInnen der primärqualifizierenden Bachelorstudiengängen stehen alle Bereiche der Pflege offen, im Krankenhaus, in der ambulanten und stationären Langzeitpflege und sonstigen Einsatzorten. Inzwischen gibt es auch vielerorts Stellenprofile für erweiterte Kompetenzen, wie sie im Studium vermittelt werden. Manche Häuser haben ein hohes Bestreben, ihre Studierende für attraktive Stellen zu gewinnen und ihnen Weiterqualifikationen wie ein Masterstudium zu ermöglichen. Bei uns am Standort haben wir zum Beispiel ein Traineeprogramm für die heilkundliche Verfestigung nach dem Studium. Ein Trainee wird durch eine Pflegefachperson, die sich in diesem Bereich spezialisiert hat, und einen fachärztlichen Kollegen oder Kollegin begleitet. Das Programm soll ein training on the job in den heilkundlichen Tätigkeiten sein.
„Vor allem Universitätsklinika sind innovativ und ideenreich.“
Prof. Dr. Gabriele Meyer
Andere Standorte haben andere Programme und Möglichkeiten entwickelt, um hochschulisch ausgebildete Pflegefachpersonen gut in die Praxis einzubinden. Die Häuser sind sehr unterschiedlich aufgestellt. Vor allem Universitätsklinika sind innovativ und ideenreich, weil dort ja hochschulisch qualifizierte Fachpersonen ausgebildet werden. AbsolventInnen müssen jedoch kreativ ihre Möglichkeiten sondieren. Neben der Tätigkeit in der Pflegepraxis, steht den AbsolventInnen eines Bachelorstudiengangs der Zugang zu einem Masterstudiengang offen. Mit diesem in der Tasche sind die AbsolventInnen in der Regel sehr gut methodisch ausgebildet. Zum Beispiel in der klinischen Epidemiologie und in sozialwissenschaftlichen Methoden. Sie können sich dann bei wissenschaftlichen Instituten wie dem IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen), bei Krankenkassen und vielen anderen Institutionen im Gesundheitswesen. Auch die Möglichkeit zu einer akademischen Laufbahn eröffnet sich nach dem Masterabschluss, d.h. Promotion, Habilitation und schließlich Professur.“
Strukturen in der Pflegewissenschaft schaffen
Was sagt die Politik zur Akademisierung der Pflege?
Prof. Dr. Gabriele Meyer: „Der Wissenschaftsrat hat immer wieder betont, wie wichtig es sei die Pflege, die Hebammenkunde und die Therapieberufe mit einem angemessenen wissenschaftlichen Fundament zu versehen. Der Rat empfiehlt, 20% der klinisch tätigen Pflegenden hochschulisch auszubilden. Der die Gesundheitspolitik beratende Sachverständigenrat für die Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und in der Pflege hat bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten ähnliches gefordert. Natürlich sind nicht alle und auch nicht alle politischen VertreterInnen überzeugt. Es gibt immer noch öffentliche Personen, die sagen „was soll das, da braucht man doch nur ein großes Herz und zwei warme Hände und dann klappt das doch“. Ich finde das absurd. Das gleiche könnte man ja über die Chirurgie sagen. „Da braucht man nur zwei Hände und ein Skalpell“. Aber nein, da braucht es natürlich auch wissenschaftliche Kompetenz. Das heißt, Kompetenz mit Forschungsbefunden umgehen zu können, um die praktische Tätigkeit auf dem besten Stand des Wissens ausführen zu können.“
„Die Politik hat sich vor vielen Jahren dazu entschieden, den Bachelorabschluss nicht zum verbindlichen Eintrittskriterium in die professionelle Pflege zu definieren.“
Prof. Dr. Gabriele Meyer
Schaut man sich im Rest von Europa um, ist die Pflege fast vollständig akademisiert – Warum hinkt Deutschland so hinterher?
Prof. Dr. Gabriele Meyer: „Wir haben hier in Deutschland traditionell die duale Ausbildung. Erst im Zuge der Europäisierung haben sich viele Studiengänge etabliert, die vorher Ausbildungsberufe waren. Die duale Ausbildung war stets ein Erfolgsmodell und wurde zum Exportschlager, also nach deutschem Vorbild von anderen Ländern übernommen. Das ist meines Erachtens ein wichtiger Punkt in dieser Angelegenheit. Damit spielt auch die Überzeugung eine Rolle, dass unsere duale Ausbildung überlegen ist gegenüber akademischen Abschlüssen. Die Politik hat sich vor vielen Jahren entschieden, den Bachelorabschluss nicht zum verbindlichen Eintrittskriterium in die professionelle Pflege zu definieren, wie es in Europa mehrheitlich der Fall ist. In Deutschland wird die überragende Mehrzahl der Pflegefachpersonen fachschulisch ausgebildet, nur ein ganz kleiner prozentualer Anteil wird an Hochschulen ausgebildet. Das Pflegestudiumstärkungsgesetz und das kürzlich verabschiedete Gesetz zur Befugniserweiterung stellen die Weichen in die Richtung einer differenzierten Pflegepraxis, in der hochschulisch ausgebildete Pflegefachpersonen ihre feste Position haben. Auf das in Vorbereitung befindliche Advanced Nursing Practice (ANP) Gesetz sind wir gespannt.“
Was gibt es für Ideen die Pflege akademischer und wissenschaftlicher zu gestalten?
Prof. Dr. Gabriele Meyer: „In Analogie zu Angeboten wie sie für ÄrztInnen an medizinischen Fakultäten eröffnet wurden, könnten auch für AbsolventInnen pflegewissenschaftlicher Masterstudiengänge Positionen geschaffen werden, die zur Hälfte der klinischen Tätigkeit gewidmet sind und zur anderen Hälfte einer wissenschaftlichen Tätigkeit mit Promotionsmöglichkeit. Manche Standorte haben diese Modelle bereits implementiert. Das bringt die klinische Versorgung und die wissenschaftliche Wissensgenerierung noch einmal mehr zusammen. So würde sich die Pflegewissenschaft auch weiter in speziellen Gebieten ausdifferenzieren, in der wissenschaftlich fundierten Pflegeexpertise der onkologischen Pflege, bei Herzinsuffizienz oder bei chronischen Wunden, um einige Beispiele zu nennen.

Im Moment sind PflegewissenschafterInnen eher GeneralistInnen. In der Medizin ist es ja auch so, dass sich die Personen als Facharzt bzw. Fachärztin spezialisieren und auf einen bestimmten Bereich fokussieren. Die Universitätsklinika haben bisher wenig Verständnis dafür entwickelt, dass die forschende Pflege auch zu ihrem Portfolio der Forschung gehört. Forschung in Universitätskliniken ist bislang ÄrztInnen vorbehalten. Aber es ist viel im Umbruch und es gibt Forderungen. Auch der Verband der Pflegedirektorinnen der Unikliniken in Deutschland hat kürzlich ein Positionspapier veröffentlicht, in dem relevante Vorschläge für die pflegewissenschaftliche Weiterentwicklung an Universitätskliniken unterbreitet werden. Es gilt Laufbahnmodelle für klinisch tätige WissenschaftlerInnen in der Pflege zu entwickeln und zu implementieren.“
Wie schätzen Sie das Forschungspotenzial in der Pflegewissenschaft ein?
Prof. Dr. Gabriele Meyer: „Wir haben die Pflegewissenschaft als akademisches Fach in Deutschland erst seit den späten 80er Jahren. Im Moment gibt es um die 170 Professuren an 60 Hochschulstandorten. Das hat eine gewisse Dynamik, gerade sind zum Beispiel wieder neue Professuren an verschiedenen Standorten ausgeschrieben. Die Pflegewissenschaft ist nicht an allen medizinischen Fakultäten vertreten und über 90% der Professuren sind an Hochschulen für angewandte Wissenschaften angesiedelt. Es gibt wenig universitäre Standorte, vielleicht 20.
„Bei einer so geringen Forschungskapazität kann das Forschungsaufkommen nicht immens sein.“ –
Prof. Dr. Gabriele Meyer
Da an den Hochschulen für angewandte Wissenschaften ein sehr hohes Lehrdeputat absolviert werden muss, bleibt wenig Zeit für eine forschende Tätigkeit. Pauschalisiert werden kann das aber nicht. Das Promotionsrecht lag in der Vergangenheit ausschließlich bei den Universitäten, dies ändert sich derzeit und auch Hochschulen für angewandte Wissenschaft erhalten an einigen Orten das Promotionsrecht. Bei einer so geringen Forschungskapazität kann das Forschungsaufkommen nicht immens sein. Es ist überschaubar. Dem Katalog der kleinen wissenschaftlichen Fächer gehören wir inzwischen nicht mehr an, dem sind wir vor kurzem entwachsen. Wir haben trotzdem eine überschaubare Landschaft an forschungsaktiven PflegewissenschaftlerInnen. Die meisten sind mehr oder weniger völlig absorbiert von Lehre und der Begleitung von Studierenden.“
Was würden Sie sich sonst noch für die Weiterentwicklung der Profession Pflege wünschen?
Prof. Dr. Gabriele Meyer: „Wir haben bisher keine Selbstverwaltungsorganisation. Sprich, wir haben keine Kammer und es sieht so aus, als wenn sich das in Kürze auch nicht umsetzen ließe. Es wäre aus meiner Sicht sehr sinnvoll, die Empfehlungen des Sachverständigenrats umzusetzen und einen Council, also eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, als nationale Organisation zu implementieren. Diese Einrichtung könnte auch für die Hebammen und für die Pflege durch An- und Zugehörige zuständig sein. Das gewichtigste Gegenargument, das immer gegen die Kammern hervorgebracht wird, ist die Beitragspflicht. Und dass Pflegende nicht sehen, wo darin der Mehrwert liegt. Aber der Mehrwert ist deutlich. Der besteht in der Registrierung der Pflegenden, in der Weiterbildungsordnung, in der Interessensvertretung.“
Das Interview führte Redakteurin Hanna Uhl am 22.04.2026.
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