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Diana Kalbas – Doktorandin der Biochemie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: „Ich möchte das Wissen und die Erfahrungen, die ich in meiner Zeit als Doktorandin gesammelt habe, nicht missen wollen.“

Diana Kalbas, 33, forscht am Institut für Biochemie in der Abteilung Enzymologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Im Interview mit hochschul-job.de berichtet sie, was ihre Promotion mit altersbedingten Krankheiten zu tun hat, wie sie den Spagat zwischen Forschung und Lehre stemmt und welchen persönlichen Herausforderungen sie als Nachwuchswissenschaftlerin begegnet.

Frau Kalbas, was reizt Sie an der Biochemie und der Enzymologie?

Kalbas: Angefangen habe ich nach meiner Schulzeit mit einer Ausbildung zur medizinisch-technischen Laborassistentin. Mich hat schon immer interessiert, wie der menschliche Organismus eigentlich arbeitet und generell schlummert in mir die Neugier herauszufinden, wie was warum funktioniert. Nach meiner Ausbildung habe ich nach einem passenden Studiengang gesucht und bin hier in Halle auf die Biochemie gestoßen. Da dachte ich, ja, das ist genau das, was mich interessiert. Im Master habe ich mich dann auf die Enzymologie spezialisiert. Da gefällt mir vor allem die mathematische Komponente.

Wie kam es zu Ihrer Entscheidung zu promovieren?

Diana Kalbas – Foto: Anne Baude

Kalbas: Ausschlaggebend war meine Arbeitsgruppe, in der ich auch schon die Masterarbeit geschrieben habe. Ich habe direkt während einer mündlichen Prüfung einfach angefragt, ob es einen Platz für mich gäbe, um die Masterarbeit zu schreiben, weil mir die neuen Methoden und die Arbeit an den Geräten so viel Spaß gemacht hat. Neben dem Thema meiner Masterarbeit, das ich faszinierend fand, hat mich die Arbeitsgruppe sehr offen empfangen und ich habe mich so gut mit den Leuten verstanden, dass ich, als mir mein Chef eine Doktorandenstelle angeboten hat, natürlich sofort ja gesagt habe.

Woran forschen Sie aktuell im Rahmen Ihrer Doktorarbeit?

Kalbas: Mein Thema heißt „Design, Synthese und Charakterisierung neuer SIRTUIN Inhibitoren“. Ich sollte jetzt vielleicht erstmal erklären, was SIRTUINE überhaupt sind. SIRTUINE sind Enzyme in unserem Körper. Sie regulieren unter anderem den menschlichen Stoffwechsel, die Zellteilung und spielen generell für altersbedingte Prozesse eine wichtige Rolle. Deswegen sind SIRTUINE ein interessantes Forschungsobjekt für altersbedingte Krankheiten aber witzigerweise auch für Anti-Aging-Produkte. Es gibt sieben SIRTUINE im menschlichen Körper. Ich beschäftige mich hauptsächlich mit SIRTUIN 2. Aus vorherigen Studien ist bekannt, welche Substrate von SIRTUIN 2 deacyliert (Abspaltung eines Acylrestes – Anmerk. Red.) werden und für diese Reaktionen suche ich nun Inhibitoren, das bedeutet, ich suche und synthetisiere Peptide, die diese Reaktionen verhindern beziehungsweise verlangsamen.

Wofür könnten die Erkenntnisse, die Sie nun im Rahmen Ihrer Forschung gewinnen, später angewendet werden?

Kalbas: Wenn man die SIRTUINE aktiviert und diese Enzyme dann stärker im Körper vorhanden sind, hilft das Alterungsprozessen entgegenzuwirken. SIRTUINE spielen demnach eine wichtige Rolle bei altersbedingten Krankheiten, wie Alzheimer und Parkinson. Darüber hinaus kann meine Forschung auch einen Mehrwert für die Krebsbehandlung liefern. Krebszellen verändern metabolische Stoffwechselprozesse, die ihr Wachstum verstärken. Es gibt Forschungen, die zeigen, dass diverse SIRTUINE in diesem Krebszellenstoffwechsel begünstigt werden. Wenn man nun die entsprechenden SIRTUINE inhibiert, also hemmt, wird der Stoffwechsel vermindert und das Wachstum der Krebszellen ebenfalls verlangsamt, aber das kommt immer auf die jeweilige Krebszelle an. Ein Teil dieser Arbeit liegt in der Grundlagenforschung. Wir forschen nicht direkt im menschlichen Organismus (in vivo), sondern im Reagenzglas (in vitro). Wir machen also die Grundarbeit, suchen Strukturen, finden Ergebnisse und die besten Ergebnisse, die wir dann auch publizieren, können andere Wissenschaftler:innen in weiterführenden Studien nutzen.

Wie weit sind Sie mit Ihrer Doktorarbeit?

Kalbas: Ich bin in den letzten Zügen und schreibe hauptsächlich. Wir wollen versuchen meine Doktorarbeit kumulativ einzureichen, weswegen ich gerade vor allem an den Papern (wissenschaftlicher Artikel – Anmerk. Red.) sitze, welche hoffentlich bald publiziert werden. Angefangen habe ich 2017. Das ist schon eine sehr lange Zeit. Normalerweise ist es bei uns so geregelt, dass man vier Jahre mit der Doktorzeit verbringt, aber durch Corona hat sich das verlängert.

Gibt es eine konkrete Deadline für die Abgabe der Doktorarbeit, auf die Sie hinarbeiten?

Kalbas: Im Normalfall wird es an den meisten Universitäten so gehandhabt, dass man während der Anstellung als wissenschaftliche/r Mitarbeiter:in seine Forschung leistet. Nachdem das Beschäftigungsverhältnis dann ausgelaufen ist, schreibt man die eigentliche Promotion und bezieht währenddessen Arbeitslosengeld 1. Hier an der Martin-Luther-Universität habe ich das Glück, dass mein Chef die Meinung vertritt, dass es zu meiner wissenschaftlichen Mitarbeiterstelle und damit zu meinem Beruf gehört, die Daten, die ich vermessen habe, auch ordentlich zusammenzutragen und ein Ergebnis schriftlich festzuhalten. Die Deadline ist für mich demnach die Befristung meines Arbeitsvertrages.

Wie läuft Ihre Forschungstätigkeit genau ab?

Kalbas: In der Literatur stoße ich beispielsweise auf ein interessantes Experiment und denke, das könnten wir in unserem Gebiet auch untersuchen. Dann überlegen wir uns in der Arbeitsgruppe mit welchem Gerät wir die Messungen durchführen könnten und was wir dafür brauchen. Das passiert nicht in Einzelarbeit, sondern wir besprechen uns in Gruppenmeetings und koordinieren die Aufgaben. Ein Kollege ist beispielsweise speziell für die Synthese zuständig. Von ihm bekomme ich die benötigten Peptide und fange mit den Messungen an. Dann besteht meine Woche aus einem großen Block an Messungen. Da gibt es Tage, an denen sitze ich nur am Gerät und messe Ergebnisse runter. Danach nehme ich mir die Zeit, die Messungen in Ergebnisform zu bringen und diese Ergebnisse diskutieren wir dann wieder in der Arbeitsgruppe. So kommen wir Stück für Stück zu neuen Erkenntnissen und am Schluss, wenn alles klappt, zu einem Paper.

Diana Kalbas über ihre Arbeitsbedingungen an der Universität und die Vereinbarung von Lehre und Forschung

Arbeiten Sie viel im Team oder mehr eigenständig?

Kalbas: Die Paper schreibe ich mit Kolleg:innen zusammen, weil Experimente teilweise von anderen Labormitarbeiter:innnen entwickelt werden. Natürlich hilft mir mein Chef beim Schreiben des Manuskriptes. Das ist ja auch ein Lernprozess. Ich schreibe also ein Manuskript, zeige den Text meinem Chef und er hilft mir das zu verbessern. So entsteht eine Arbeit, die fachlich gut ausgereift aber auch gut verständlich ist, wenn man nicht Teil unserer Arbeitsgruppe ist. Die Messungen im Labor selbst führt man eher allein durch. Ich habe das Glück, dass ich mit meinem Kollegen in einem Büro sitze und wir diskutieren dann täglich unsere Arbeit. Deswegen gefällt es mir hier in der Arbeitsgruppe so gut, weil es locker zu geht. Auch wenn ich mal etwas nicht weiß, ich kann immer fragen und werde nicht gleich als dumm abgestempelt, sondern wir finden gemeinsam eine Lösung.

Ein weiterer Teil Ihrer Beschäftigung ist die Lehrtätigkeit. Wie gestalten Sie diese?

Kalbas: Als Doktorand:innen der Biochemie übernehmen wir das Praktikum im Bachelor und im Master. Im Bachelor sind das zwei Wochen mit durchschnittlich 20 Studierenden. Im Master ist das Ganze komplexer und dauert einen ganzen Monat mit 20-40 Studierenden, die mehrere Experimente über die Wochen verteilt durchführen. Zu meiner Masterzeit habe ich das Praktikum selbst belegt und ein Jahr später, als ich dann in der Position des PHDs war, habe ich das Praktikum betreut und sogar selbst ein Experiment für die Studierenden konzeptioniert. Ich lasse die Studierenden nicht nur Vermessen und dann zu Hause auswerten, sondern ich nehme mir Zeit für die gemeinsame Auswertung. Die Studierenden erhalten aus ihren Messungen Kurven und müssen diese dann interpretieren. Aber wie soll jemand, der eine Methode zum ersten Mal anwendet und diese Punkte sieht, wissen, wie er oder sie das richtig interpretieren soll?

Was nehmen Sie für sich persönlich aus Ihrer Lehrtätigkeit mit?

Kalbas: Ich finde es immer sehr schön, dass man durch die Praktika und den Kontakt zu den Studierenden anfängt, sich selbst zu reflektieren. Man ist irgendwann so im Trott, so in einer Blase, und wenn dann Studierende mit einem komplett frischen Blick kommen und Fragen stellen, denkt man selbst nochmal über viele Themen nach und reflektiert.

Empfinden Sie die Lehre als angenehmen Ausgleich oder ist es manchmal eher anstrengend sich zwischen zwei Aufgaben aufteilen zu müssen?

Kalbas: Es ist tatsächlich anstrengend. Aber ich habe für mich beschlossen, Praktikum ist Praktikum. Ich mache währenddessen keine Experimente für meine Forschung, weil die Zeit dafür einfach nicht da ist. Es gibt Leute, die versuchen aufgrund des Zeitdrucks beides zusammen hinzukriegen, aber dann leidet eines. Entweder leidet die Betreuung der Studierenden oder es leiden wirklich die Messungen. Ich fokussiere mich da lieber auf das Praktikum, davon haben sowohl die Studierenden als auch ich selbst mehr.

Haben Sie eine Lieblingstätigkeit?

Kalbas: Ich klinge wie ein Nerd, wenn ich das jetzt sage, aber ich mag die Laborarbeit. Es macht mir einfach Spaß das alles zu berechnen, zu pipettieren und dann zu sehen, wenn es funktioniert.

Diana Kalbas über Ihre persönliche Zuknuft in der Wissenschaft und wie sich der Druck befristeter Vertäge auf sie auswirkt.

Haben Sie schon eine Vorstellung, wie es für Sie persönlich nach der Promotion weitergehen soll?

Kalbas: Das ist schwierig! Ich persönlich würde sehr gerne auch meinen Post-Doc hier an der Universität bestreiten, aber es wird sich zeigen, ob das möglich ist, weil gerade gar keine Stellen ausgeschrieben sind. Die MLU (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Anmerk. Red.) ist unterfinanziert. Das ging ja auch durch die Presse und da stehen jetzt Sparpläne an, die fast alle Fakultäten betreffen werden. Ende April soll ein genauer Plan hierzu vorliegen aber bis dato weiß keiner, wie es weiter gehen wird (Am 06. April 2022 beschloss der Senat der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ein Sparpaket, welches vorsieht, dass Studienplätze, Professuren und ganze Studiengänge gestrichen werden könnten. Dieses Maßnahmenpaket wird nun der Landesregierung von Sachsen-Anhalt zur weiteren Prüfung vorgelegt. – Anmerk. Red.) Ich möchte auf jeden Fall in Halle oder Umgebung bleiben, weil ich hier mit meinem Mann sesshaft bin.

Hätten Sie nach Ihrer Promotion die Chance auf ein längerfristiges Engagement?

Kalbas: Durch das Wissenschafts-Zeit-Gesetz sind die Post-Doc-Stellen auf drei Jahre befristet. Aber diese Regelung ist total bescheuert. Nach der Promotion hat man sechs Jahre Zeit um, wenn man in der Wissenschaft bleiben möchte, die Professur zu erreichen oder man ist komplett weg von der Universität. Dadurch entsteht ein regelrechter wissenschaftlicher Generationsbruch und es geht sehr viel Wissen verloren, weil es durch die harten Übergänge einfach nicht weitergegeben werden kann.

Was machen diese Regelungen mit Ihnen persönlich?

Kalbas: Der psychische Druck ist eine komplette Katastrophe, weil die Konzentration für die eigene Arbeit dann auch fehlt. Ab einem gewissen Alter will man sesshaft werden aber gerade für Frauen in der Forschung ist das schwierig. So wie die universitären Strukturen aktuell sind, sind sie immer noch sehr gebärendenfeindlich. Die Frage, wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Kind, kreist immer um einen herum, gerade durch die befristeten Stellen. Man möchte natürlich, wenn man eine Familie gründet, eine gewissen finanzielle Sicherheit haben. Es zeigt sich in der Realität, dass mehr männliche Professoren Kinder haben, wohingegen Professorinnen oft Einzelkämpferinnen sind, was leider den Strukturen geschuldet ist und ich würde mir wirklich wünschen, dass da ein Umdenken einsetzt. Wenn ich tatsächlich eine Professur anstreben würde, dürfte ich wahrscheinlich keine Kinder kriegen, um das zu schaffen. Während und auch nach der Schwangerschaft ist es Frauen zum Schutz des Kindes und ihrer selbst nicht möglich im Labor zu arbeiten. Da ist die Gefahr dann groß, den Anschluss zu verlieren, wenn man die Arbeit eine Weile pausieren muss. Ich habe für mich nun entschieden, wenn ich die Post-Doc-Stelle kriege, würde ich diese sechs Jahre so arbeiten, wie ich es für richtig halte und wenn es klappt mit der Professur wäre das super und wenn es nicht klappt, wäre es auch kein Problem. Ich möchte sehr gerne in der Wissenschaft und Forschung bleiben und eine Familie gründen. Leider wird das nicht einfach, aber ich lasse mich davon nicht unterkriegen.

Würden Sie eine Promotion grundsätzlich weiterempfehlen?

Kalbas: Ich kann da nicht pauschal ja oder nein sagen, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Man sollte wissen auf was man sich einlässt, dass es eine wunderbare Zeit ist, in der man viele Leute kennenlernt und sich neue Methoden, eigenständige Laborarbeit und Büroarbeit aneignet. Auch sollte man sich von Motivationsrückschlägen nicht komplett demotivieren lassen. Wenn man jedoch nach kurzer Zeit merkt, es ist überhaupt nichts für einen, ist es auch keine Schande abzubrechen.

Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie sich selbst noch einmal für eine Promotion entscheiden?

Kalbas: Ich selbst habe einige Motivationstiefs gehabt, dennoch würde ich das Wissen und die Erfahrungen, welche ich in meiner Zeit als PHD gesammelt habe, nicht missen wollen und mich deswegen nochmal dafür entscheiden, weil es mich zu dem Menschen und zu der Forscherin gemacht hat, die ich heute bin. Ich wünsche mir andere Bedingungen für wissenschaftliche Mitarbeiter:innen. Aber diese Sachen, die verändert werden müssten, stehen einfach nicht in unserer Macht.

Das Gespräch führte Redakteurin Carolin Heilig am 31.03.2022.

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