Erika Mosebach

Erika Mosebach – Doktorandin der Sozialwissenschaften an der Universität Heidelberg und Mutter: „Man muss bereit sein diese Doppelbelastung zu tragen.“

Erika Mosebach, 32, stemmt zwei Mammutaufgaben: Sie ist Mutter des zweijährigen Aurel und promoviert parallel seit einem Jahr an der Universität Heidelberg. Im Interview mit hochschul-job.de erklärt sie, wie sie Familie und Forschung unter einen Hut bringt, welche Bedenken sie selbst manchmal hat und was sie anderen Frauen raten würde.
Erika Mosebach
Erika Mosebach – Foto: Nathalie Nickel

Frau Mosebach, woran forschen Sie im Zuge Ihrer Doktorarbeit?

Mosebach: Ich forsche zum Paradigmenwechsel in der Prostitutionspolitik. Früher habe ich in der Prostituiertenberatung gearbeitet und dort direkt gesehen, wo Chancen oder Probleme liegen und wie es den Prostituierten geht. Dabei war ich oft mit den politischen Systemen konfrontiert, in denen die Prostituierten arbeiten und mit den wechselnden Voraussetzungen für die Arbeit in den verschiedenen Ländern. Es gibt eine aktuelle Entwicklung, die beispielsweise in Schweden Anwendung findet, hin zu einem politischen Modell, das die Prostituierten dekriminialisiert und stattdessen die Freier unter Geld- oder Gefängnisstrafen stellt,

wenn diese eine Dienstleistung in Anspruch nehmen. Dieses sogenannte abolitionistische Modell hat zum Ziel die Prostitution komplett abzuschaffen. Dem zugrunde liegt das Verständnis von Prostitution als Geschlechterungerechtigkeit. Ich beschäftige mich nun unter anderem mit der Frage, wie es dazu kommt, dass immer mehr Länder, darunter Frankreich, Kanada, Irland und Israel, das abolitionistische Modell übernehmen, obwohl es durchaus Schwachstellen aufweist. Ich entwickle also eine Erklärungsmodell, um zu verstehen, warum es unterschiedliche politische Ansätze in den europäischen Ländern gibt. Eigentlich müsste man ja meinen, es würde Sinn machen, wenn Europa ein einheitliches Modell hätte, aber da spielen eben unterschiedliche kulturelle Voraussetzungen eine Rolle. Daraus ergibt sich dann die zweite Frage meiner Arbeit, danach, ob es überhaupt Sinn macht das Modell in alle Länder zu übertragen oder inwieweit eine Anpassung an die unterschiedlichen Gegebenheiten in den Ländern stattfinden muss. Konkret ist Geschlechtergerechtigkeit beispielsweise in Schweden ein sehr hoher Wert und die dortige Sozialpolitik wird darauf ausgerichtet, während Geschlechtergerechtigkeit in Deutschland nicht in allen Bereichen vorkommt. Da ist die Frage, ob das abolitionistische Modell überhaupt in der Praxis in Deutschland funktionieren kann.

Warum haben Sie sich für den Schritt raus aus der Praxis zurück in die Wissenschaft und an die Universität entschieden?

Mosebach: Die Promotion war für mich das Tor in eine wissenschaftliche, berufliche Tätigkeit. Ich habe einen Bachelor in sozialer Arbeit gemacht und dann auch ein paar Jahre in diesem Bereich gearbeitet. Allerdings merkte ich nach einer Weile, dass die rein praktische Tätigkeit für mich auf Dauer nicht interessant war und teilweise sogar frustrierend, weil man immer nur an Einzelfällen arbeitet. Die grundlegenden Strukturen kann man hingegen nicht verändern. Die Wissenschaft gab mir da die Möglichkeit zu verstehen, wie Systeme funktionieren und auf struktureller Ebene Veränderungen herbeizuführen. Daher habe ich mich entschlossen zurück an die Universität zu gehen, um einen Master zu machen. Währenddessen habe ich gemerkt, dass ich beruflich gerne in der Wissenschaft bleiben würde und da führt der Weg häufig über die Promotion.

War der Schritt weg aus der Praxis zurück an die Universität ein schwieriger?

Mosebach: Natürlich hat sich mein Alltag dadurch verändert. Wenn man arbeitet, hat man seine Arbeitszeit und zuhause hat man frei, was angenehm ist. Während des Studiums hat man hingegen immer im Hinterkopf, ich müsste eigentlich noch mehr machen. Man hat einfach nie so richtig Feierabend. Das war schon eine Umgewöhnung. Aber das Lernen an sich war noch nicht so weit weg, weil ich nur drei Jahre gearbeitet habe.

Erika Mosebach über die Promotion mit Kind und die daraus resultierende Doppelbelastung

Seit beinahe drei Jahren sind Sie Mutter eines kleinen Sohnes. Parallel forschen Sie für Ihre Doktorarbeit. Wie gelingt eine Promotion mit Kind?

Mosebach: Ich habe es für meine Familie so gelöst, dass mein Sohn an drei Tagen bei einer Tagesmutter in Betreuung ist. Zusätzlich haben wir die Großeltern vor Ort und mein Mann arbeitet nicht voll, sondern übernimmt zeitweise die Betreuung. Wir haben also ein bisschen gepuzzelt. Für mich hätte es nicht funktioniert unseren Sohn in eine Ganztageskrippe zu geben, das wäre mir zu viel gewesen.

Wie gestalten Sie Ihren Alltag zwischen Kind und Promotion?

Mosebach: Inzwischen habe ich mir einen ganz normalen Arbeitstag strukturiert. Morgens bringe ich Aurel in die Betreuung und dann arbeite ich. Diese Zeiten, in denen er bei der Tagesmutter ist, nutze ich komplett für die Arbeit und versuche mich nicht ablenken zu lassen, was manchmal gar nicht so leicht ist, weil ich ausschließlich von zuhause arbeite. Wenn unser Sohn daheim ist, lasse ich die Arbeit ruhen und habe komplett frei. Auch die Abende und Wochenenden halte ich frei, damit ich Zeit habe, um den Kopf auszuschalten. Ich habe also eine klare Struktur für meine Tage. Disziplin gehört natürlich dazu, um die zur Verfügung stehende Arbeitszeiten auch wirklich zu nutzen.

Ist Ihnen die Entscheidung zur Promotion mit Kind schwergefallen?

Mosebach: Maßgeblich ist, wie dringend man das möchte und für mich war das ein wichtiger Schritt die Promotion zu machen. Die Entscheidung stand eigentlich schon bevor unser Sohn da war und ich habe mir gar nicht so viele Gedanken über die Konsequenzen gemacht. Während ich schwanger war, habe ich die Vorbereitungen für die Doktorarbeit absolviert. Nach der Geburt habe ich quasi mit einer Hand mein Exposé geschrieben und in der anderen mein Baby getragen. Die Entscheidung selbst, diesen Schritt zu gehen, war gar nicht so schwer für mich. Kompliziert wurde es eher, als mein Sohn gerade geboren war und ich eigentlich arbeiten musste. Da hatte ich kaum Zeit für die Promotion. Nur wenn die Großeltern da waren, konnte ich mal einen halben Tag etwas machen.

Welche Hürden, Sorgen und Ängste begleiten Sie auf Ihrem Weg?

Mosebach: Es ist immer eine Spannung zwischen den beiden Lebensbereichen. Das eine ist, dass man natürlich eine supergute Promotion schreiben möchte oder zumindest ist das mein Ziel und da habe ich einen hohen Anspruch an mich selbst. Gleichzeitig möchte ich eine gute Mutter sein und mein Kind bestmöglich versorgen, statt ihn irgendwo beiseitezuschieben und zu sagen, er muss jetzt halt mitlaufen. Für mich war das ein schweres Thema zu entscheiden, ab wann gebe ich ihn in Betreuung. Dass er dann weg von mir war, fiel mir schwer. Wenn ich andere Doktorand:innen sehe, die viel mehr Zeit haben, denke ich, wenn ich diese Zeit auch hätte, könnte ich ganz anders arbeiten, aber da muss man Frieden mit sich selbst schließen. Die Hauptsorge ist einfach beidem gerecht zu werden und das hört auch nie auf.

Haben Sie aufgrund Ihrer familiären Situation mehr Zeit für die Promotion?

Mosebach: Ich habe nicht mehr Zeit, sondern dieselbe Drei-Jahres-Frist, die von der Universität vorgegeben wird und die man dann verlängern könnte. So wie ich es bisher mitgekriegt habe von anderen Doktorand:innen, ist es nicht schwer mit Kind eine Verlängerung zu bekommen, aber es würde viel Spannung rausnehmen, wenn man wüsste, man hat von Anfang an vier Jahre Zeit und muss sich nicht nach drei Jahren rechtfertigen, weil man es nicht geschafft hat. Zusätzlich habe ich noch ein Stipendium, was sehr hilfreich ist für meine Situation, weil ich nicht anders arbeiten kann. Der Stipendiengeber ist sehr familienfreundlich und gewährt zum Beispiel gleich von Anfang an ein Jahr länger Grundförderung und es gibt noch viele andere Unterstützungsmöglichkeiten, wie eine Kinderpauschale oder Vernetzungsmöglichkeiten mit anderen Doktorand:innen mit Kind.

Was ist aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung an einer Promotion mit Kind?

Mosebach: Mit einem Kind sind viele Dinge einfach unvorhersehbar. Was ich nicht eingeplant habe, waren die Krankzeiten. Wenn Kinder in Betreuung sind, dann sind sie einfach viel öfter krank und das sind Ausfälle, die hat man nicht, wenn man kein Kind hat. Wenn mein Sohn eine Woche zuhause ist, kann ich nicht arbeiten. Von daher wäre die grundsätzlich verlängerte Promotionszeit hilfreich.

Wie ist das Verhältnis zu Ihrem Doktorvater, wenn Sie ausschließlich von zuhause arbeiten? Fehlt Ihnen manchmal die Möglichkeit zum Austausch?

Mosebach: Gerade zu Beginn der Arbeit, als wir noch das Konzept entwickelt haben, hatte ich sehr häufig Kontakt mit meinem Doktorvater. Jetzt ist es weniger, weil ich einfach die Arbeit voranbringen muss. Aber wir haben immer wieder Zoom-Meetings, in denen wir uns austauschen. Zusätzlich bin ich an der Graduiertenakademie der Universität und habe da die Möglichkeit in Kontakt mit anderen Doktorand:innen zu treten und Feedback für meine Arbeit zu bekommen. Auch über meinen Stipendiengeber habe ich die Möglichkeit zur Vernetzung mit anderen Doktorand:innen, also da bin ich gut aufgestellt.

Funktioniert die Vereinbarkeit von Promotion und Familie in den Sozialwissenschaften besser als beispielsweise in den Naturwissenschaften?

Mosebach: Was ich von den Naturwissenschaften weiß, ist, dass die Doktorand:innen viele Praxisphasen haben, in denen sie im Institut und in den Laboren sein müssen. Das stelle ich mir schwer vor, weil man da ein ganz anderes Zeitkontingent für die Arbeit aufwenden muss. In den Geistes- und Sozialwissenschaften ist es, glaube ich, einfacher, weil man so wie ich seine Zeiten flexibel einteilen und auch von zuhause arbeiten kann. Trotzdem musste auch ich bei meiner Arbeit Abstriche machen. Ich hätte gerne Interviews geführt und qualitativ geforscht, aber das schaffe ich mit Kind nicht. Man muss seine Doktorarbeit an die Familiensituation anpassen. Mein Doktorvater hilft mir die Arbeit schlank zu halten und zu schauen, was mit Kind möglich und nicht zu zeitintensiv ist.

Was raten Sie anderen Frauen zum Thema Promotion mit Kind?

Mosebach: Es ist machbar! Man muss sich einfach sehr klar in seinen Zielen sein. Wenn man das Ganze halbherzig angeht, dann packt man das nicht und man muss bereit seine diese Doppelbelastung zu tragen. Aber kein Kind zu kriegen, weil man Angst hat, es nicht zu schaffen, das fände ich schade. Man muss einfach seine Ziele ein bisschen umstecken, dann kann es gut funktionieren. Dass man eine Promotion nicht in drei Jahren schafft und dass man vielleicht nicht mit einer eins da raus geht, ist klar. Also an manchen Stellen muss man Abstriche machen. Außerdem sollte man dazu bereit sein, sein Kind in Betreuung zu geben und man braucht ein gutes Netzwerk, das vielleicht mal bei der Betreuung einspringt.

Würden Sie den Schritt nochmal so gehen?

Mosebach: Ja, wahrscheinlich schon! Klar, wäre es eine Überlegung gewesen erst die Promotion zu machen und dann Kinder zu bekommen, aber das ist ja auch nicht immer eine freie Entscheidung. Je nach Alter kann man sich das nicht immer aussuchen. Ich glaube, für mich passt das so, auch wenn ich mir manchmal wünsche, dass es entspannter wäre und ich eine Aufgabe nach der anderen abarbeiten könnte. Aber als Frau ist das einfach schwierig, wenn man beides möchte. Wenn man arbeiten und Kinder haben möchte, dann kann ich es mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass man aus diesem Spannungsfeld herauskommt.

Haben Sie schon eine Vorstellung davon, wie es nach Ihrer Promotion weiter gehen soll? Wäre der Schritt zurück in die Praxis eine Option?

Mosebach: Nein, zurück in die Praxis zu gehen ist für mich keine Option. Die soziale Arbeit habe ich abgehakt. Was ich mir gut vorstellen kann, wäre eine Anstellung an einem Institut für ein Forschungsprojekt zu den Themen Menschenhandel, Prostitution und Zivilgesellschaft. Angesichts der schwierigen Situation, die an den Universitäten vorherrscht, fände ich ein freies Institut aktuell attraktiver. Mit Kind ist das schwierig, wenn man ständig nur befristete Verträge hat. Generell wäre es meine Hoffnung, meine Forschung zur Verfügung zu stellen, um damit der Praxis zu dienen.

Was ist Ihr persönliches Fazit nach einem Jahr Promotion mit Kind?

Mosebach: Ich glaube, es ist besser gelaufen als erwartet. Ich bin in meinem Zeitplan, das war meine große Hoffnung. Also es funktioniert besser als gedacht und es ist machbar. Man muss sich seiner Ziele klar sein und man muss ein gutes Netzwerk haben, dann kann man das schaffen!

Das Gespräch führte Redakteurin Carolin Heilig am 05.04.2021.

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