Klar Julian Portrait

Julian Tobias Klar – Doktorand der Politikwissenschaft an der Universität Heidelberg: „Für die Übergangszeit zwischen Master und Promotion braucht man Kollapsnerven aus Stahl.“

Julian Tobias Klar, 30, promoviert im Fachbereich Politikwissenschaft an der Universität Heidelberg und forscht aktuell in den USA zu den Demokratietheorien von Hannah Arendt und John Dewey. Im Interview mit hochschul-job.de verrät er, warum sich ein Forschungsaufenthalt im Ausland lohnt, wie man die Zeit zwischen Masterstudium und Doktorarbeit am besten nutzt, was wir von Arendt und Dewey für unsere heutige Demokratie lernen können und wieso die Promotion einem Marathonlauf gleichkommt.

Herr Klar, woran forschen Sie gerade genau?

Klar: Meine Forschung dreht sich um die Demokratietheorien Hannah Arendts und John Deweys, zwei bedeutsame Philosoph:innen und politische Theoretiker:innen des 20. Jahrhunderts. Ich möchte mir näher ansehen, was das Grundverständnis des Politischen bei Arendt und bei Dewey ist und was wir daraus für heute lernen können. Darüber hinaus verfolge ich eine quellenkritische Dimension, indem ich nicht-veröffentlichte Nachlässe der Beiden, bestehend aus Buchmanuskripten, Tagebüchern und privatem Schriftverkehr untersuche, um dadurch die biographische Entwicklung des Denkens Beider nachvollziehen zu können.

Wie gelangen Sie an diese nicht-veröffentlichten Dokumente?

Julian Tobias Klar – Foto: Privat

Klar: Dafür bin ich mit den zwei Universitäten in den USA in Kontakt getreten, an denen sich das Material befindet und habe angefragt, ob ich dieses Material für meine Forschung einsehen und nutzbar machen darf. Nachdem ich die Zusagen bekommen hatte, habe ich die Aufenthalte dort organsiert. Generell ist es heutzutage durch Suchmaschinen und die elektronische Erfassung sehr viel einfacher geworden, herauszufinden, wo sich Material für eine Forschung befindet.

Was fasziniert Sie an Ihrer Forschung am meisten?

Klar: Am faszinierendsten finde ich, dass ich die Einflüsse auf das Denken Arendts und Deweys zu Tage fördern kann, das heißt, wer die Beiden in ihrer Lektüre am meisten beeinflusst hat, denn auch die vorangegangenen Wissenschaftsgenerationen hatten Inspirator:innen und da ist es interessant zu sehen, wie die Einflüsse gelaufen sind. Ebenfalls überraschend finde ich an der Forschung für Dewey, die ich aktuell betreibe, dass er sich in vielen Aspekten über den Verlauf seines langen Lebens treu geblieben ist. Ich hatte noch in Deutschland etwas von ihm gelesen aus dem Jahr 1920, wo ich keinen signifikanten Unterschied zu einem Vorlesungsmanuskript aus dem Jahr 1892 finden konnte, das ich ebenfalls durchgegangen bin.

Warum interessiert Sie gerade diese persönliche Komponente Arendts und Deweys?

Klar: Der persönlich-biographische Effekt, die Entwicklung Ihres Denkens und die Produkte dieses Denkens lassen sich meiner Ansicht nach nur schwer voneinander trennen, sondern gehen Hand in Hand.

Julian Tobias Klar über seinen Forschungsaufenthalt in den USA

Bereits seit einigen Wochen halten Sie sich für Ihre Forschung in den USA auf. Wo leben Sie denn aktuell genau?

Klar: Die Kleinstadt, in der ich zur Zeit lebe, heißt Carbondale und liegt im Süden des Bundesstaates Illinois. Ich bin Anfang Februar ins Land eingereist. Bis Ende Mai werde ich nun hier an diesem Standort bleiben und meine Forschung zu John Dewey vorantreiben. Dann werde ich für zwei bis drei weitere Monate an einen Standort im Staat New York gehen, wo ich den zweiten Teil meiner Recherchen für Hannah Arendt absolvieren werde. Carbondale ist insofern bemerkenswert, als dass die Stadt zwar sehr klein, aber gleichzeitig sehr universitär geprägt ist, was ich auf dem Land in Süd-Illinois nicht erwartet hätte und was sich zum Beispiel in der Kulturszene der Stadt und durch eine progressive Einstellung der Bevölkerung bemerkbar macht.

Wohnen Sie in einem Wohnheim oder wo sind Sie untergekommen?

Klar: Ich habe bei Privatleuten etwas gemietet, weil der Wohnungsmarkt hier, wie überall, leider angespannt ist. Auf dem Campus selbst hat sich keine Wohnmöglichkeit ergeben, weil graduate students, das bedeutet Masterstudierende und Doktorand:innen, in der Regel nicht für die dorms, also die großen Schlafgebäude, zugelassen sind.

Wie gestaltet sich Ihr Alltag in den USA?

Klar: Die Handschriftenabteilung, in der ich meine Recherche betreibe, ist immer Montag bis Donnerstag den Nachmittag über geöffnet, sodass ich diese Stunden möglichst gut für meine Arbeit nutzen möchte. Ansonsten habe ich ein eigenes Büro hier an der Southern Illinois University, sodass ich auch dort meine Recherchen betreiben und für mich selbst arbeiten kann, wenn ich das nicht von zuhause aus tun möchte. Meine Wohnung ist nicht weit entfernt vom Campus, sodass ich die Universität schnell mit dem Auto erreichen kann. Das Auto ist hier leider unverzichtbar, weil der öffentliche Verkehr in den USA deutlich schlechter erschlossen ist als in den meisten deutschen Städten. Die Southern Illinois University ist eine Campusuniversität. Anders als an vielen deutschen Standorten, wo die Institute und Fakultäten quer über die Städte verteilt sind, hat man es hier eher mit einem akademischen Mikrokosmos zu tun. Ich genieße es hier, da alle Gebäude fußläufig erreichbar sind und der Campus sehr modern ist. Zudem gibt es Essensmöglichkeiten in den Mensen und eine sehr gut ausgestattete Bibliothek.

Wie kam die Kooperation mit den beiden amerikanischen Universitäten zustande?

Klar: Im Gegensatz zu vielen klassischen Programmen, wie ERASMUS oder ERASMUS plus, handelt sich bei mir nicht um ein Austauschprogramm, sondern ich habe die Kontakte für mich persönlich hergestellt, was, wenn ich das hinzufügen darf, während COVID-19 gar nicht so einfach war. Allerdings wird diese Fähigkeit zur selbstständigen Organisation von Doktorand:innen in gewisser Hinsicht erwartet. Es geht darum, Forschungsmöglichkeiten für sich selbst festzustellen und dann die Organisation selbst zu gestalten, denn später müssen Forscher:innen selbst Geldmittel einwerben und Kontakte herstellen. Insofern ist das, wenn man später in diesem Bereich arbeiten möchte, eine sehr gute Übung.

Sie sprachen die Pandemie gerade schon an. Hat COVID-19 Sie in Ihrem Zeitplan zurückgeworfen?

Klar: Ich weiß von anderen Doktorand:innen, dass sie diesbezüglich Probleme hatte und ich weiß von mindestens einem Kandidaten, dass für ihn ein Aufenthalt gar nicht zustande kam, aufgrund der Pandemie. Bei mir war es allerdings so, dass ich zunächst den Kontakt herstellen und mich um eine Förderung bemühen musste. Damit begann ich im Februar 2021. Die Wiederaufnahme der Einreisemöglichkeiten in die USA im November 2021 kam für mich dann zu einem idealen Zeitpunkt. Ich konnte, um es bildlich zu sagen, auf dieser Welle reiten und bin Anfang Februar diesen Jahres ohne Schwierigkeiten in die USA eingereist.

Wie finanzieren Sie Ihren Auslandsaufenthalt in den USA?

Klar: Ich habe von der Universität Heidelberg einen einmaligen Zuschuss bekommen, die sogenannte Mobilitätsbeihilfe, mit der ich den Flug und die Unterkunft finanzieren kann. Nun bedeutet, dass ich allein diese Förderung erhalte, nicht, dass ich mich nicht auch um andere beworben hätte. Aber man muss in Rechnung stellen, dass diese Programme stark kompetitiv sind und in der Regel mehr Bewerber:innen als Fördermöglichkeiten haben, sodass nur ein Bruchteil derer, die sich beworben haben, gefördert werden kann. Glücklicherweise bin ich hier in den USA von jeder Form der Studiengebühr befreit, weil ich eben nicht als Studierender, sondern als Austauschforscher an den Universitäten bin. Das heißt, ich nutze keine Kurse, sondern „nur“ Quellen, die der Öffentlichkeit frei zur Verfügung stehen.

Haben Sie neben Ihrer Forschung auch Zeit, um das Land zu erkunden?

Klar: Mein Ansprechpartner, einer der Professoren hier an der Southern Illinois University, zeigt mir das Land oder lädt mich zu Mahlzeiten ein. Da merkt man, dass die Amerikaner:innen in dieser Hinsicht eine lockerere, „buddy“-like Art haben, verglichen mit vielen Akademiker:innen in Deutschland. Darüber hinaus zeigt er mir Naturschönheiten der Umgebung. Vor Kurzem waren wir hier in einem Nationalpark wandern. Auch der Campus lädt mit vielen Grünflächen zum Spazieren gehen und Abschalten ein. Was größere Trips in andere Städte angeht, habe ich für mich persönlich entschieden, dass ich die Zeit jetzt erst einmal für meine Forschung nutzen möchte. Es gibt, bevor man das Land verlassen muss, eine Ein-Monats-Frist. Das heißt, nachdem das Visum abgelaufen ist, hat man noch 30 Tage Zeit, bis man das Land verlassen muss und ich plane für diese Reservezeit am Ende einige Städtereisen. Ich habe mir sagen lassen, dass San Francisco sehr schön sein soll. Darüber hinaus gibt es Bekannte meiner Familie im Staat Tennessee, denen ich einen kurzen Besuch abstatten möchte. Die letzte Reise möchte ich mit dem AMTRAK, dem amerikanischen Zugsystem, machen, um herauszufinden, was besser ist, der deutsche ICE oder der amerikanische AMTRAK.

Warum lohnt sich Ihrer Meinung nach ein Forschungsaufenthalt im Ausland?

Klar: Es lohnt sich vor allem forschungspragmatisch und für die eigene Zukunft. Wenn man, rein fiktiv, jedes Semester während des Studiums die Universität wechseln und diverse Universitäten in Deutschland und auch im Ausland erkunden könnte, hätte man die Möglichkeit sehr viele Verbindung zu anderen Wissenschaftler:innen zu knüpfen. Die meisten Studierenden können das aber aus unterschiedlichen Gründen nicht tun. Von daher ist die Promotion nun auch für mich eine Chance, nicht nur, weil es für mein Projekt ohnehin erforderlich ist, an mehreren Standorten Forschung zu betreiben, sondern auch, um mit weiteren Forscher:innen in persönlichen Kontakt zu treten, was dann zu Folgekooperationen und Forschungsmöglichkeiten für die Zukunft führen kann.

Julian Tobias Klar über den Bezug der Demokratietheorien Arendts und Deweys zu heute

Kommen wir zurück zu Ihrem Forschungsthema. Was kann man Ihrer Meinung nach aus den Demokratietheorien Arendts und Deweys für heute lernen?

Klar: Wichtig ist zunächst, die Anerkennung, dass jeder Versuch, einen Konflikt im Politischen totzuschweigen und jeder Versuch, einen Konflikt unter den Teppich zu kehren, eine Weltflucht darstellt. Es heißt zwar nicht, dass Politik nicht auch stark harmonisch ablaufen kann und dass es nicht auch um Konfliktlösung geht. Wichtiger wäre meinen Autor:innen allerdings Selbstverwirklichung im politischen Raum gewesen. Das heißt, dass der politische Raum nicht nur professionellen Berufspolitiker:innen offen stehen sollte, sondern politisches Engagement eine Bereicherung für Alltagsbürger:innen sein kann und dass das Politische etwas Alltägliches sein sollte, mehr Partizipation stattfinden sollte und den Bürger:innen auch mehr Partizipationskanäle offenstehen sollten. Natürlich gehören Streit und Diskussionen auch dazu, sollten aber im Rahmen des verfassungsrechtlich Zulässigen stattfinden. Das vermissen wir heutzutage allerdings, wenn man an hate speech, ausufernden Hass im Netz und gesellschaftliche Parallelwelten denkt. Was wir also stärker bräuchten, ist eine geteilte Welt der gemeinsamen Diskussion aus der sich leider Teile, sehr radikalisierte Teile, der Gesellschaft zurückgezogen haben.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass sich ein Teil der Gesellschaft immer weiter abwendet?

Klar: Ein Problem mag durchaus sein, dass wir es heute mit den negativen Effekten des self-broadcasting zu tun haben. Vor 20 bis 30 Jahren hatten wir einen Filter durch Print- und TV-Journalismus. Es wurde nur das im Fernsehen gezeigt und das in der Zeitung gedruckt, was von Journalist:innen entsprechend aufbereitet wurde. Heute haben wir die Situation, dass jeder/jede der Sender/die Senderin von Informationen sein kann, ein gewisser Filter aber weggefallen ist und ich spreche jetzt nicht von Zensur im politischen Raum, dem anderen Extrem, das es zu vermeiden gilt, aber von einem gewissen Respekt vor anderen menschlichen Wesen und anderen Meinungen. Man kann zu gewissen Tatsachen eine andere Meinung haben, aber man darf nicht Tatsachen und Realität verleugnen und man darf es deswegen nicht, weil es die schiere Möglichkeit ein Einverständnis herzustellen zu Nichte macht. Das heißt also, was es bräuchte, wäre Respekt vor den Tatsachen wie sie sind.

Ist es möglich, die Menschen wieder hinter dem Ideal der Demokratie zu vereinen?

Klar: Ich fürchte, es wird immer eine Herausforderung des status quo geben. Das kann im positiven Sinne sein, dass Leute auf Defizite hinweisen und Verbesserungen anmahnen, es kann aber auch eine prinzipielle Opposition sein.

Wie steht es Ihrer Meinung nach um die Demokratie in Deutschland und in den USA?

Klar: Es kann immer besser sein. Absolut betrachtet, weltweit gesehen, geht es uns aber doch sehr gut. Wir haben Partizipationsmöglichkeiten. Was ich jedoch als Gefahr sehe, in den USA noch viel mehr als in Deutschland, was aber bei uns gerade auch stark zunimmt, ist soziale Exklusion von gewissen Gesellschaftsschichten aus dem politischen Bereich. Das heißt also, dass Leute aufgrund von mangelndem Einkommen, aufgrund von mangelnden Bildungsmöglichkeiten, und dergleichen mehr, – faktisch, nicht formal-rechtlich – mangelnde Beteiligungschancen im politischen Bereich haben, was nicht sein darf, denn der politische Bereich sollte auch in der Praxis Jedem offenstehen. In den USA, zum Beispiel, werden Straftäter:innen häufig die Partizipationsrechte aberkannt, sodass diese das Recht zu wählen und das Recht selbst für Wahlen kandidieren zu dürfen verlieren, was in der Regel überproportional den ärmeren Teil der Bevölkerung betrifft. Gleichzeitig ist es aber auch ein Privileg der liberaldemokratischen Ordnung in den USA und in Deutschland, dass man sich nicht beteiligen muss und es letztendlich immer um eine freie Entscheidung geht.

Engagieren Sie sich selbst politisch?

Klar: Tatsächlich habe ich im Herbst 2020 beim Petitionsausschuss des deutschen Bundestages eine Petition eingereicht, die den Vorschlag macht, aufgrund des Zufallsprinzips eine ständige Bürger:innenversammlung mit rotierenden Mitgliedern zu bilden, die über Herausforderungen der gegenwärtigen Politik diskutiert und ihre Ratschläge dem Bundestag und weiteren Organen der deutschen Politik zur Verfügung stellt.

Eine besondere Herausforderungen für Nachwuchswissenschaftler:innen ist die Zeit zwischen Masterarbeit und Promotion. Welche Entscheidungen stehen in dieser Zeit an und wie organsiert man diesen Übergang am besten?

Klar: Man braucht für diese Übergangszeit Kollapsnerven aus Stahl und eine gewisse Frustrationstoleranz. Man sollte diese Zeit zwischen Master und Promotion auf jeden Fall gut für die Planung nutzen, aber ohne sich allzu sehr in Perfektionismus zu verzetteln, denn es kommt in dieser Lebensphase erstens immer anders und zweitens als man denkt. Zuallererst sollte man sich grundlegend überlegen, ob man direkt in den Beruf wechseln will oder das Wagnis einer Promotion eingehen möchte, denn es ist im Grunde genommen eine Wette auf die Zukunft. Es stellt sich die Frage, ob Studierende genug Budget haben, um diese Wette auf die Zukunft einzugehen und ob man bereit ist, einige Jahre Dienstausfall auf sich zu nehmen und etwas später in den Beruf zu wechseln für diesen zusätzlichen akademischen Grad. Das ist letzten Endes eine persönliche Entscheidung. Hat man sich für die Promotion entschieden, muss man einen Betreuer/eine Betreuerin finden und diesen/diese mittels eines Exposés, in dem man erklärt, was man in seinem Forschungsprojekt untersuchen möchte, überzeugen. Es bietet sich hierbei an, mehrere Alternativen zu haben und sich auf mehrere Stellen zu bewerben. Eine andere Möglichkeit wäre die Bewerbung auf ausgeschriebene Stellen in einem Projekt, beispielsweise an einem Graduiertenkolleg, wo man parallel zur Promotion in einer Projektgruppe arbeitet. Mein zusammengefasster Ratschlag lautet: Am eigenen Ziel festzuhalten, aber auch offen zu sein für gewisse Kontingenzen und gleich von Beginn an bestmöglich zu planen. Das erleichtert später den eigentlichen Arbeitsprozess.

Wie kamen Sie zu der Entscheidung ausgerechnet im Feld der Politischen Theorie zu promovieren? Hätten Sie auch andere Themenbereiche angesprochen?

Klar: Zu Beginn konnte ich mich nicht richtig entscheiden, ob ich mich auf Politische Theorie einlassen soll oder mich dem Feld der Internationalen Beziehungen widme. Mich interessierte Beides, weil ich meine Masterarbeit an der Schnittstelle der Bereiche geschrieben hatte, um mir beide Möglichkeiten offenzuhalten. Wenn man das Ziel hat in der Wissenschaft zu forschen und zu lehren, muss man sich leider schon sehr früh auf einen Bereich festlegen, den man dann in der Regel nicht mehr wechseln kann, was für mich die Entscheidung schwierig gemacht hat. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass meine Entscheidung für Politische Theorie die richtige war.

Julian Tobias Klar über seine persönliche Zukunft und was die eigene Herkunft mit der akademischen Laufbahn zu tun hat

Wie soll es für Sie nach Abschluss der Promotion weitergehen?

Klar: Es gibt für Akademiker:innen glücklicherweise sehr viele Betätigungsfelder und akademische Berufe sind heutzutage volatiler denn je. Ich persönlich möchte nach der Promotion im Feld der wissenschaftlichen Forschung und Lehre bleiben. Das wäre für mich der Königsweg. Ich wünsche mir sehr viele Zeitreserven und entsprechende Infrastruktur für meine Forschung und Lehre. Das Problem ist, dass man dies in der Regel im universitären Bereich nur im Rahmen einer Professur haben kann. Ich fände es großartig, wenn wir entsprechende Möglichkeiten auch abseits der Professur hätten, was ich in den USA und anderen europäischen Ländern verstärkt in der Organisationsstruktur sehe, zum Beispiel in Form von Juniorprofessuren.

Was raten Sie Nachwuchswissenschaftler:innen, die sich nicht so recht trauen eine Promotion in Angriff zu nehmen?

Klar: Ich selbst kann an dieser Stelle sagen: Ich komme aus einer nicht-Akademiker Familie. Ich bin nicht nur der erste, der an einer Universität studiert hat, der nun eine Promotion macht, sondern ich war auch der überhaupt erste, der es aufs Gymnasium geschafft hat. Und ich kann daher auch Familien und Kindern aus Familien, die einen entsprechenden Hintergrund haben, sehr stark raten, den eigenen Karriereweg entschieden zu verfolgen. Ich möchte die Promotion mit einem Marathonlauf vergleichen: Man braucht einen langen Atem, viel Motivation, viel Ausdauer und man muss sich langfristig motivieren können, ein Projekt so lange durchzuziehen. Es bedeutet aber auch, selbst wenn man den Titel hat und später nicht die erhoffte Position im Beruf bekommen sollte, hat man dennoch diesen großen Schritt in der Persönlichkeitsentwicklung gemacht. Selbst wenn nicht jeder Doktorand/jede Doktorandin später Professor:in werden kann, dafür gibt es gar nicht die Stellen und Finanzmittel, so bedeutet es dennoch, dass eine Promotion die Persönlichkeit schärft und das Leben im Allgemeinen bereichert. Leider wird die Entscheidung für oder gegen eine Promotion immer noch von zu vielen Faktoren bestimmt, die nichts damit zu tun haben sollten. Es sollte lediglich die wissenschaftliche Qualifikation und das Interesse, allerdings auch die Lust an einer späteren Tätigkeit in der Wissenschaft, den Ausschlag geben. Es findet sich auch für Menschen, die denken, sie könnten sich das nicht leisten, in der Regel ein Weg der Promotionsfinanzierung. Darüber hinaus sollte man sich auch vom „Wissenschaftssprech“ der Doktorand:innen und Professor:innen nicht abschrecken lassen. Um es einfach zu sagen, die kochen auch nur mit Wasser und man darf nicht übersehen, dass Einiges in der Wissenschaft mit einem gewissen Maß an Selbstinszenierung zu tun hat und einem gewissen Schleier, den man aufbaut. Es geht darum, hinter diesen Schleier zu sehen, diesen Schleier herunterzureißen und die eigene Forschung entschieden zu vertreten, zu sehen, was die eigene Forschung nicht nur für einen selbst bedeutet, sondern für die gesamte Gesellschaft bedeuten kann. Ich würde sagen, die Promotion ist ein Abenteuer, ein Abenteuer par excellence, ein Abenteuer, dessen Ausgang wir selbst in der Hand haben.

Das Gespräch führte Redakteurin Carolin Heilig am 08.04.2022

Interviews Promovierende, Karriere Politikwissenschaft, Karriere und Wissenschaft