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Luca Schmidt – Doktorandin am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg: „Die Arbeit von Promovierenden sollte mehr finanzielle Wertschätzung erfahren.“

Luca Schmidt, 27, promoviert am Max-Planck-Institut (MPI) für Meteorologie in Hamburg. Im Interview verrät sie gegenüber hochschul-job.de, warum Fachwissen für eine Promotion nicht alles ist, wie der Arbeitsalltag am Institut aussieht, was sie sich für Nachwuchswissenschaftler:innen wünschen würde und wie es um die Zukunft unserer Erde bestellt ist.
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Luca Schmidt – Foto: B. Diallo / MPI-M

Frau Schmidt, wie sah Ihr bisheriger Werdegang aus?

Schmidt: Zuerst habe ich Luft- und Raumfahrttechnik an der Universität Stuttgart studiert. Nach einem Semester merkte ich aber, dass mich die Physik mehr interessiert und ich habe in den Physik-Bachelor gewechselt. Es stand dann früh fest, dass ich meinen Master gerne im Ausland machen würde. Die Wahl hierzu fiel auf Uppsala in Schweden, zum einen, weil ich Schweden landschaftlich sehr schön finde, zum anderen, weil es dort interessante Vertiefungsrichtungen gab. Ich entschied mich in Richtung Atom- und Astrophysik zu gehen.

Wie kam es zur Ihrer Entscheidung nach dem Studium eine Promotion anzustreben?

Schmidt: Irgendwann ging mein Studium zu Ende und ich musste entscheiden, wie es weiter gehen sollte. Das wissenschaftliche Arbeiten während meiner Masterarbeit hatte mir großen Spaß gemacht, ich war immer noch neugierig und hatte Lust zu lernen. Da war die Promotion einfach der naheliegende Schritt. Zu diesem Zeitpunkt gab es allerdings keine offenen Promotionsstellen im Teilgebiet der Astrophysik, in dem ich auch meine Masterarbeit geschrieben hatte. So war ich gezwungen mich nach anderen Stellenangeboten umzuschauen. Am Ende hatte ich dann die Qual der Wahl und entschied mich für die Stelle hier in Hamburg und damit für die Klimaphysik. So konnte ich der Physik weiterhin treu bleiben und zudem an einem Thema arbeiten, das hohe gesellschaftliche und persönliche Relevanz hat.

Luca Schmidt über fehlendes Fachwissen, aktuelle Forschung und die Schnittstelle zwischen Physik und Klima

Sehen Sie es als Handicap, dass Sie aus der Physik statt aus der Meteorologie kommen und nun am MPI für Meteorologie promovieren?

Schmidt: Das ist insofern kein Thema, als dass ich damit überhaupt keine Seltenheit bin. Viele hier am Institut haben Mathematik, Physik oder Biochemie studiert und es gibt Schnittstellen zwischen Physik und Klima. Alle Prozesse, die in der Atmosphäre ablaufen, im Ozean, an Land oder auf der Oberfläche sind letztendlich von physikalischen Gesetzen bestimmt. Das fängt bei den großen Zirkulationen von Luftmassen an. Das ist Fluid- und Themodynamik, also ein Teilbereich der Physik. Auch Mikroprozesse, wie Tröpfchenbildung, was dann zu Regen führt, oder die Sonnenenergie, die das Leben auf der Erde erst möglich macht, lässt sich physikalisch beschreiben. Was mir vielleicht als kleines Handicap erscheint ist, dass ich keinen breiten Überblick über die Klimaforschung habe. Den musste ich mir zu Anfang der Promotion erst erarbeiten. Grundsätzlich würde ich Interessierten empfehlen, den Mut zu haben, sich auch auf Stellen zu bewerben, die nicht zu 100% zum eigenen Bildungshintergrund passen, solange man sich ernsthaft für diesen fachfremden Bereich interessiert. Fachwissen kann man sich zu einem guten Teil auch während der Promotion aneignen. Motivation und die Fähigkeiten strukturiert zu arbeiten sowie logisch und selbständig zu denken, muss man hingegen mitbringen.

War das Thema Ihrer Promotion schon festgelegt als Sie mit Ihrer Arbeit begannen?

Schmidt: Die Ausschreibung, auf die ich mich beworben habe, war zwar für ein spezielles Thema, allerdings relativ lose abgesteckt. Also hatte ich dann Spielraum, um mir zu überlegen, was genau ich untersuchen möchte.

Was genau untersuchen Sie im Rahmen Ihrer Promotion?

Schmidt: Es geht um die Verteilung von Regen über Land und Ozean. Ursprünglich war es definiert als „Regen über tropischen Inseln“, aber wir haben jetzt in der ersten Studie gemerkt, dass wir noch allgemeinere Aussagen treffen können. Die genauen Mengen von Regen über Land und Ozean sind bekannt, genauso wie deren grobe Verteilung, aber man weiß nicht, warum sich das so verteilt. Ich versuche nun das WARUM zu klären und auch, wie sensitiv diese Verteilung zur Veränderung von bestimmten Prozessen ist. Wenn die Erde zum Beispiel komplett abgeholzt würde und sich die Erdoberfläche verändert, hätte das dann eine Auswirkung darauf, wie sich der Regen verteilt?

An welchem Punkt Ihrer Forschung stehen Sie aktuell?

Schmidt: Ich bin seit anderthalb Jahren am MPI und habe in dieser Zeit ein mathematisches Modell entwickelt und ausgewertet. Jetzt schreibe ich darüber mein erstes Paper (wissenschaftlicher Artikel – Anmerk. Red.), das dann veröffentlicht wird. Ich bin also gerade in dem Prozess des Schreibens. Meine Betreuerin liest dann zwischendurch Probe und ich arbeite Korrekturen ein.

Welche Rolle spielen diese Paper für Ihre Promotion?

Schmidt: Es gibt zwei Arten der Promotion. Die eine ist die Monographie, die andere die kumulative Form. Bei zweiterer veröffentlicht man in wissenschaftlichen Journalen eine gewisse Anzahl von Artikeln, die dann am Ende zusammen mit einer Einleitung zur eigentlichen Promotion zusammengefasst werden.

Was fasziniert Sie an Ihrer Forschung aktuell am meisten?

Schmidt: Das hat zwei Aspekte: Zum einen habe ich während meiner Masterarbeit gemerkt, dass ich wirklich gern theoretisch arbeite und da passt mein Projekt wie die Faust aufs Auge. Zum anderen bildet mein Projekt die Schnittstelle zwischen Prozessen an der Erdoberfläche, der Atmosphäre und der Wechselwirkung mit den Ozeanen. Dadurch lerne ich viel aus sehr vielseitigen Aspekten des Erdsystems und da ich auch relativ unwissend gestartet bin, macht es total viel Spaß Neues zu lernen und Zusammenhänge zu verstehen.

Luca Schmidt über ihren Arbeitsalltag und die Stimmung am Max-Planck-Institut für Meteorologie

Wie sieht Ihr klassischer Arbeitsalltag aus? Können Sie überhaupt von einem klassischen Tagesablauf sprechen?

Schmidt: Es ist nicht immer gleich, aber es gibt wiederkehrende Elemente. Ich komme morgens ins Büro, checke meine Mails, mache mir einen Kaffee und arbeite dann entweder an meinem Modellcode, lese Artikel von anderen Wissenschaftler:innen oder schreibe an meinem eigenen Paper. Dann haben wir auch regelmäßig Treffen mit unserer Arbeitsgruppe. Darüber hinaus treffe ich mich einmal die Woche mit meiner Betreuerin. Mittlerweile sind wieder mehr Menschen im Institut unterwegs und man trifft sich auf Kaffeepausen und erzählt sich gegenseitig, woran man gerade arbeitet. Ab und zu kommt es auch vor, dass ich einen Vortrag halte oder zu einer Konferenz reise, zum Beispiel im Mai nach Wien.

Wie ist die Stimmung und das Miteinander am Institut?

Schmidt: Der große Vorteil hier ist, dass viele Leute an unterschiedlichen Karrierepunkten in der Wissenschaft in einem Haus sitzen und man deswegen sehr unterschiedliche Gesprächspartner:innen in den Kaffeepausen oder während des Mittagessens hat. Auch unter den Promovierenden haben wir eine sehr aktive soziale Truppe am Start. Wir gehen zusammen ein Bier trinken oder treiben gemeinsam Sport. Mit meiner Betreuerin ist es ähnlich. Wir sehen uns einmal die Woche, was für eine Promotion luxuriös ist. Manchmal würde ich mir mehr direkte Zusammenarbeit mit anderen wünschen. Aber das ist eben ein Merkmal der Promotion, da am Ende die Eigenleistung erkennbar sein muss.

Welche Rolle spielen sozialer Umgang, befristete Verträge und schlechte Bezahlung in Ihrem Leben als junge Wissenschaftlerin?

Schmidt: Was man nicht leugnen kann ist, dass ein gewisser Leistungsdruck existiert. Drei Jahre für eine Promotion sind nicht besonders lange. Man profitiert auf jeden Fall, wenn man eine gewisse Stressresistenz hat und sich von diesem Druck, der noch nicht einmal von Leuten speziell kreiert werden muss, sondern der einfach durch die Ausgangssituation entsteht, nicht verrückt machen lässt. Für die Zeit meiner Promotion stört mich die Befristung der Verträge nicht, auch weil ich für das Gehalt nicht länger als drei Jahre arbeiten will. Die Bezahlung ist okay und ich komme gut über die Runden, aber es ist Luft nach oben. Ich finde tatsächlich, dass die Arbeit von Promovierenden mehr finanzielle Wertschätzung erfahren sollte, weil sowohl an Forschungsinstituten als auch an Universitäten sind die Promovierenden die work horses, die hochqualifiziert sind und ohne die viel weniger Wissenschaft entstehen würde.

Wird etwas getan, um Konflikten oder Unzufriedenheiten vorzubeugen?

Schmidt: Wir haben hier am MPI ein sogenanntes Panel System, das heißt alle fünf Monate trifft man sich mit seinem Betreuer/seiner Betreuerin und einer zusätzlichen externen Person. Diese Panel Meetings sind da, um zu besprechen, ob die Arbeit planmäßig vorangeht und um zwischenmenschliche Schwierigkeiten gegebenenfalls frühzeitig beizulegen.

Luca Schmidt über Klimaschutz, die Zukunft der Erde und Ihre persönlichen Zukunftsperspektiven

Kommen wir zurück zu Ihrer Forschung: Welchen Appell würden Sie gerne an die Bevölkerung und die Politik richten zum Thema Klimaschutz? Können wir unsere Erde noch retten?

Schmidt: Ich glaube, dass manchmal ein Missverständnis vorliegt über dieses „Gibt es noch etwas zu retten oder nicht?“. Das zeichnet das Bild, entweder wir tun etwas, dann haben wir eine Chance oder wir tun nichts und dann ist alles verloren, dann müssen wir uns aber auch keine Mühe mehr geben. Diese Erzählung ist falsch. Selbst wenn wir jetzt nichts mehr gegen den Klimawandel tun würden und so weiterleben wie bisher, wäre meine Prognose, dass es in einigen tausend Jahren trotzdem noch Menschen geben würde, allerdings wohl nicht mehr so viele. Die Menschen wären durch höhere Temperaturen in ihrer Lebensqualität eingeschränkt und es gäbe wahrscheinlich viele soziale Verwerfungen und Kriege um die verfügbaren Ressourcen, wie Wasser, Land und Nahrung. Aber der Übergang zu diesem Worst-Case-Szenario ist fließend. Jedes Grad, jedes Zehntel-Grad, auf das wir die Erderwärmung begrenzen, trägt zu einer positiveren Zukunftsversion bei. Es geht hier nicht um ganz oder gar nicht, sondern es geht darum, wie katastrophal die Folgen werden, wie viele Tierarten aussterben und wie viele Menschen ihr Zuhause verlassen müssen. Außerdem liegt in der bevorstehenden Transformation meiner Meinung nach eine riesige Chance, unser aller Leben reicher und schöner zu gestalten. Es ist schließlich nicht so, dass der materielle Überfluss der vergangenen Jahrzehnte zu einem Zuwachs an Glück und Zufriedenheit geführt hätte.

Wie sollten wir jetzt am besten handeln?

Schmidt: Es gibt klare Handlungsoptionen, wie sie beispielsweise vom Weltklimarat formuliert werden. Das wichtigste ist, die Emissionen von Treibhausgasen zu minimieren. Hierbei scheint der Umstieg auf Windkraft, Solarenergie und andere nachhaltige Energiequellen, die dann Strom produzieren, der beste Weg zu sein. Der nachhaltig gewonnene Strom wird dann zur Energiequelle für so gut wie alle Bereiche des Lebens und Wirtschaftens.

Wagen wir einen weiteren Blick in die Zukunft, dieses Mal in Ihre persönliche: Wie lange werden Sie noch am MPI beschäftigt sein und wie soll es danach weitergehen?

Schmidt: Ich werde auf jeden Fall noch anderthalb Jahre hier sein, möglicherweise brauche ich auch eine Verlängerung für meine Promotion. Für die Zeit danach, gute Frage, habe ich mich noch nicht abschließend entschieden, weil es viele spannende Arbeitsfelder gibt, sowohl in der Wissenschaft aber auch außerhalb der Wissenschaft. Wenn es eine interessante Post-doc-Stelle gäbe, würde mich das reizen. Auch die Bildungswissenschaften sind ein Pfad, der mich interessiert und ich könnte mir vorstellen mich in Zukunft mehr in diese Richtung zu entwickeln, sodass ich nicht nur Forschung für Forschende mache, sondern auch ein bisschen mehr Fokus daraufsetze, wie man Wissenschaft stärker in die Öffentlichkeit trägt und Leute aller sozialen Schichten für diese Themen begeistert.

Würden Sie eine Promotion weiterempfehlen?

Schmidt: Ja, aber nicht uneingeschränkt. Man muss schon der Typ dafür sein. Jede Promotion hat Frustrationspunkte und wenn man überhaupt keine Lust auf theoretisches Arbeiten hat, wäre eine Promotion in meinem Bereich sicher nicht die beste Wahl. Aber wenn man grundsätzlich Spaß am Knobeln hat, dann würde ich das definitiv empfehlen. Ich würde es auf jeden Fall wieder machen!

Das Gespräch führte Redakteurin Carolin Heilig am 22.03.2022

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