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Nadine Löhr – Doktorandin der Arabistik an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften: „Die Forschung ist eine sehr schöne Tätigkeit, aber man sollte nicht leugnen, dass sie zu einem hohen Preis kommt.“

Nadine Löhr, 30, promoviert an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zur Überlieferung und Rezeption der Tetrabiblos. Im Interview mit hochschul-job.de verrät sie, worum es in ihrem Forschungsprojekt genau geht, welche Vorteile die Promotion an einer Wissenschaftsakademie mit sich bringt, warum man sich die Ränder eines Manuskriptes ganz genau ansehen sollte und wie herausfordernd die arabische Sprache und Schrift sind.

Nadine Löhr – Foto: Privat

Frau Löhr, was untersuchen Sie im Zuge Ihres Dissertationsprojektes?

Löhr: Ich befasse mich an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen des Projektes „Bibliotheca Arabica“ mit der Verbreitung und der Rezeption der Tetrabiblos, also den vier astrologischen Büchern des Claudius Ptolemäus‘, wie sie in den arabischen Manuskripten und der damit zusammenhängenden Kommentarliteratur überliefert sind. Ich verfolge das Werk, seine Leser:innen und Kopist:innen sozusagen durch Raum und Zeit. Der Kommentar steht dabei im Fokus. Arabische Kommentare zu wissenschaftlichen Werken wurden oft als zu vernachlässigendes Beiprodukt des Haupttextes betrachtet, aber heute wissen wir, dass viele Kommentare ihre Hauptwerke vermutlich ablösten und zudem öfter gelesen und rezipiert wurden. Der Kommentar des ʿAlī ibn Riḍwān, den ich untersuche, beinhaltet den kompletten Tetrabiblostext und kommentiert dann einzelne Teile dieses Haupttextes. Meine Untersuchung dreht sich grundsätzlich um Fragen nach den Zentren der Manuskriptproduktion, welchen Einfluss politische Umbrüche auf die institutionellen und privaten Bibliotheken hatten und warum der Kommentar offensichtlich so viel beliebter war als der unkommentierte Haupttext.

Wie gelangen Sie an die Ressourcen, die Sie für Ihre Forschung benötigen?

Löhr: Einzelne Manuskripte habe ich vor Ort gesehen, beispielweise in Spanien, aber vordergründig arbeite ich mit Scans aus der ganzen Welt. Ich bekomme diese Scans von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, wo ich auch noch eine kleine Anstellung im Projekt „Ptolemaeus Arabus et Latinus“ habe und für einen Katalog arabische Handschriften beschreibe. Dort hat sich mein Interesse für die Texte entwickelt und ich hatte Zugang zu den nötigen Ressourcen. Nun durfte ich dieses Material mit nach Leipzig nehmen, als ich hier an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften die Anstellung für mein Dissertationsprojekt bekommen habe. Ich finde es sehr schön, dass ich parallel in beide Institutionen eingebunden bin.

Worin sehen Sie den Vorteil, statt an einer Universität, an einer der deutschen Wissenschaftsakademien zu promovieren?

Löhr: Ich habe an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften keine Unterrichtsverpflichtung, sondern bin rein für die Forschung angestellt. Das war einer der Gründe, warum mich gerade diese Stelle so gereizt hat. Ich unterrichte zwar gerne, aber ich möchte den Hauptteil meiner Zeit in die Forschung investieren und an den deutschen Wissenschaftsakademien hat man diese Möglichkeit. Hinzu kommt, dass die Projekte sehr lang und sehr breit aufgebaut sind. Das Projekt „Bibliotheca Arabica“, in dem ich arbeite, läuft von 2018 bis 2035. So etwas hat man an Universitäten, so weit ich weiß, nicht. Da hat man in der Regel eine Finanzierung über drei bis fünf Jahre und danach muss das Projekt abgeschlossen sein. Ich promoviere innerhalb des großen Projektes zwar „nur“ bis Ende 2023 aber ich habe das Gefühl, dass die Kolleg:innen mehr Zeit haben, um sich mit der Dissertation und mir auseinander zu setzen und es erscheint mir insgesamt weniger hektisch.

Worauf konzentrieren Sie sich bei der Arbeit mit den Texten am meisten?

Löhr: Typischerweise haben die arabischen Handschriften ein Vorsatzblatt oder eine Titelseite mit Besitzvermerken. Dort ist festgehalten, wer den Text besessen hat, an welchem Ort er gelesen wurde und für wie viel er verkauft wurde. Wenn man diese Informationen systematisch sammelt, kann man erschließen, wo der Text zirkulierte. Auch das Kolophon am Ende der Texte ist für mich von Interesse. Dort ist häufig vermerkt, wo und wann der Text kopiert wurde. Ein besonderes Augenmerk richte ich aber auf die Marginalien, also die Anmerkungen, die an den Rändern des Textes stehen. Diese interessieren mich, weil sie oft Informationen über andere Texte enthalten, die vielleicht gar nicht mehr erhalten sind oder auch Aufschluss darüber geben, was die Menschen beim Lesen des Textes gedacht haben. Wie wurde eine bestimmte Stelle interpretiert? Wurde der Text mit einem anderen verglichen oder wurde die arabische Übersetzung gar mit dem Griechischen abgeglichen? In einzelnen Manuskripten haben Leser:innen ihr eigenes Horoskop notiert oder ein Gedicht vermerkt, das eigentlich nichts mit dem Text zu tun hat. Man könnte wohl sagen, die Ränder der Manuskripte sind historische Fundkisten der Gedanken der Leser:innen. Es gibt Handschriften, die sind so dicht beschrieben, dass es schwierig ist die Anmerkungen zu entschlüsseln.

Wie schwer ist es allgemein diese Texte zu entziffern und zu verstehen?

Löhr: Es kommt auf die Qualität des Manuskriptes an und wo es kopiert wurde. Manche Handschriften sind schöner und leichter zu lesen als andere. Die andalusisch-maghrebinischen Schriften finde ich zum Beispiel anspruchsvoll, was auch daran liegt, dass ich diese Handschriften seltener lese. Grundsätzlich werden die Punkte auf den Buchstaben oft vergessen oder bewusst weggelassen, das macht es komplizierter. Für meinen Text liegen mir aber etwa 50 verschiedene Manuskripte vor. Da ist es gut möglich den Inhalt zu verstehen. Die eigentliche Herausforderung sind die Vermerke, die sehr schnell geschrieben wurden. Das betrifft zum Beispiel die Randanmerkungen oder Einträge auf der Titelseite. Da wurde natürlich nicht bedacht, dass es in 500 Jahren jemanden interessieren könnte, welcher Name dort steht, insofern sind sie deutlich schwerer zu entziffern. Während die Besitzvermerke recht kurz sind, da reden wir von ein paar Zeilen, können die Randanmerkungen schon recht umfangreich und zeitaufwendig sein.

Aus welcher Zeit stammen diese Texte ungefähr?

Löhr: Im Griechischen wurde die Tetrabiblos im zweiten Jahrhundert nach Christus geschrieben und im Arabischen erscheint das astrologische Werk erstmals im achten/neunten Jahrhundert. Der Kommentar, mit dem ich mich hauptsächlich beschäftige, wurde im elften Jahrhundert in Ägypten geschrieben. Aber überliefert ist dieser Text auch noch über die folgenden acht Jahrhunderte hinweg. Einer der Unterschiede zur europäischen Literatur ist, dass man in der arabischen Welt sehr spät mit dem Druck anfangen konnte, weil man die Schrift unter anderem nicht so einfach in einzelne Lettern unterteilen kann, wie die lateinische Schrift. Dadurch wurde der Druck erst recht spät systematisch eingesetzt. Wir haben sogar heute noch einige Länder, in denen die Handschriftenkultur lebt und immer noch Manuskripte produziert werden. Das ist einzigartig!

Was fasziniert Sie an Ihrer Forschung am meisten?

Löhr: Tatsächlich wie viel man aus diesen Manuskripten herausholen kann. Viele arabische Gelehrte haben das Werk vor mir gelesen und Anmerkungen an den Rändern hinterlassen, teilweise in Form von Zitaten aus anderen Texten, die heute nicht mehr überliefert sind. Aber anhand dieser Marginalien kann ich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, wie so ein Text, von dem wir bisher kaum etwas wissen, ausgesehen hat oder welche Thematiken diskutiert wurden. Das finde ich sehr spannend, dass man mit kleinen Hilfsmitteln und aus den Rändern der Manuskripte eine Phase der Geschichte und das Umfeld relativ gut rekonstruieren kann. Das gelingt mir natürlich nur bei einzelnen Manuskripten. Es gibt auch Tage, an denen stecke ich viele Stunden in eine Anmerkung, ohne auf brauchbare Ergebnisse zu kommen.

Wie sind Sie überhaupt zur Arabistik gekommen?

Löhr: Das war durch einen spontanen Impuls beeinflusst. Ich habe im Bachelor Italianistik studiert und konnte im Rahmen des Studiums eine zweite Sprache wählen. Ich hatte damals den Anspruch möglichst viele Sprachen zu lernen und habe mir die Liste der Sprachstudiengänge vorgenommen, die mit A begann. Ganz oben stand Albanisch, was jetzt wirklich nicht viele Menschen sprechen. An zweiter Stelle folgte Arabisch und darauf fiel dann meine Wahl. Zudem muss ich zugeben, dass mich Kunst und Ästhetik sehr ansprechen und die arabische Schrift erschien mir immer sehr schön. Ich wollte sie gerne besser verstehen.

Was reizt Sie besonders an Ihrem Fachbereich?

Löhr: Tatsächlich finde ich, dass es ein sehr bereicherndes und schönes Studium ist. Es trägt dazu bei, vordefinierte Denkmuster zu hinterfragen. Einer der Lieblingssätze meines Professors war „DEN Islam gibt es nicht“, genauso wenig wie es übrigens DIE Scharia gibt. Die Repräsentation der arabischen Welt in den Medien und in der Politik besser zu verstehen und zu hinterfragen, finde ich sehr wichtig. Hinzu kommt, dass sich mit jeder neuen Sprache eine neue Welt eröffnet. Man beginnt unweigerlich sich in eine andere Kultur einzufühlen und lernt in komplett andere Richtungen zu denken.

Wie schwierig ist es Arabisch zu lernen?

Löhr: Es ist tatsächlich sehr anspruchsvoll und dauert viele Jahre. Man muss viel Geduld und Zeit investieren, da das komplette Sprachsystem anders aufgebaut ist, als das der europäischen Sprachen. Gleichzeitig ist das Arabische in sich sehr logisch strukturiert. Die meisten Wörter bestehen aus drei Wurzeln, also drei Konsonanten. Über grammatische Anpassungen lässt sich um den Kern dieser drei Buchstaben eine ganze Wortfamilie bilden. Die Wörter Büro, Bibliothek, Stift, Schreibtisch und Buch zum Beispiel werden im Arabischen aus denselben drei Konsonanten gebildet. Viele haben den Eindruck, dass die Schrift die große Herausforderung ist, aber die Schrift ist lediglich der Einstieg. Die eigentliche Herausforderung kommt dann bei der Aussprache, der Grammatik und dem Vokabular, weil das so umfangreich ist. Wenn Sie normalen Small-Talk führen möchten, brauchen Sie im Arabischen einen viel größeren Wortschatz als in den meisten europäischen Sprachen.

Würden Sie von sich selbst sagen, dass Sie fließend Arabisch sprechen?

Löhr: Fließend ist immer so eine Frage. Sie können sich fließend unterhalten, wenn Sie einfach schnell sprechen und Fehler ignorieren. Ich würde nicht sagen, dass ich fehlerfrei spreche. Ich verstehe Hocharabisch recht gut und abhängig vom Themenbereich kann ich mich darin auch unterhalten. Zudem habe ich mir den palästinensischen Dialekt angeeignet, in dem ich mich dann besser verständigen kann als im Ägyptischen zum Beispiel. Grundsätzlich darf man aber nicht vergessen, dass das Erlernen der arabische Sprache nicht Ziel des Arabistikstudiums ist, sondern sein Werkzeug. Es geht um die historische und regionale Sprachentwicklung, Literaturströmungen und Quellenarbeit. An vielen Universitäten wird der Studiengang zudem kombiniert mit der Islamwissenschaft. Ich sehe meine Stärke eher im Lesen der Manuskripte, was nicht unbedingt Bestandteil des Arabistikstudiums ist. Ich habe das während meiner Arbeit an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gelernt.

Welche Rolle spielen Auslandsreisen für Ihre Forschung?

Löhr: Ich hatte geplant für einige Monate in den Iran zu reisen, weil sich dort die meisten Manuskripte befinden, mit denen ich mich befasse, und ich auf manchen Scans nicht alle Randanmerkungen lesen kann. Allerdings hat mir Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nun bin ich mir nicht sicher, ob ich das noch nachholen werde. Einerseits wird es langsam knapp mit dem zeitlichen Rahmen und andererseits habe ich bereits ausreichend Material für meine Arbeit gesammelt. Aber grundsätzlich bin ich ein großer Fan von Auslandsreisen und ich finde auch, dass sie im Studium wichtig sind, gerade, wenn man die Sprache lernen möchte, damit man einfach rauskommt aus dem universitären Setting und in den Alltag geworfen wird. Dabei muss es nicht unbedingt ein teurer Sprachkurs sein. Die wertvollsten Erfahrungen habe ich zum Beispiel gesammelt als ich in Hebron, in den palästinensischen Gebieten, im German Center unterrichtet habe.

Was ist der Benefit einer Doktorarbeit in Ihrem Fachbereich?

Löhr: Es macht Sinn, wenn man in der Forschung aktiv sein möchte, weil man ohne Promotion in der Wissenschaft nicht weit kommt. Aber selbst, wenn man in Museen oder Bibliotheken arbeiten will, ist es, glaube ich, von Vorteil einen Doktortitel zu haben. Ich persönlich strebe die Promotion an, weil ich den Prozess an sich, mich über mehrere Jahre hinweg mit einem Thema auseinander zu setzen und das gründlich zu machen, als sehr schön und bereichernd empfinde. Ich habe mich nicht gefragt, was das Ziel oder der Sinn der Sache ist, weil ich den Sinn in der Sache selbst sehe.

Würden Sie diesen Schritt zur Promotion Masterabsolvent:innen Ihres Fachbereiches empfehlen?

Löhr: Ja, wenn sie sich darüber bewusst sind, worauf sie sich einlassen, weil man nicht leugnen sollte, dass die sehr schöne Tätigkeit zu einem hohen Preis kommt. Der allgemeine Publikationsdruck ist deutlich spürbar und führt zu langen Arbeitstagen. Außerdem muss man wahrscheinlich alle paar Jahre umziehen, weil man an einer anderen Institution eine Anstellung findet oder es kann passieren, dass man für einen bestimmten Zeitraum arbeitslos ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass das für Paare mit Kindern oder wenn man einen ortsgebundenen Partner/eine ortsgebundene Partnerin hat, schwierig ist und man diese Belastung nicht tragen möchte.

Ist für Sie persönlich der Preis aufgewogen?

Löhr: Für mich ist das einfach eine sinnvolle Arbeit, die mich sehr bereichert, die mir Spaß macht und für mich ist das momentan kein Problem. Ich bin grundsätzlich ein reisefreudiger Mensch und zum Glück habe ich auch einen Partner, der beruflich flexibel ist. Ich weiß aber von vielen Kolleg:innen zwischen Mitte 30 und Mitte 40, dass sie diese Bürde nicht mehr tragen wollen und sich dann auch aus dem geisteswissenschaftlichen, akademischen Bereich verabschieden. Ich bin mal gespannt, wie das bei mir sein wird. Ich hoffe, dass ich später, selbst wenn ich keine volle Stelle in der Wissenschaft bekommen sollte, trotzdem noch Zeit für die Forschung finde. Für mich ist das Lesen und Erforschen der Manuskripte ein Hobby geworden. Ich schaue nicht mehr auf die Uhr oder auf das Gehalt, sondern ich mache das einfach, weil ich es gerne tue. Ich kann mir einen beruflichen Werdegang ohne die Manuskripte und ohne die Forschung arabischer astronomischer und astrologischer Texte momentan nicht vorstellen, deshalb mache ich mir schon jetzt Gedanken, wie es weitergehen soll, sammle Dokumente zu Anträgen für Forschungsgelder und strebe nach meiner Dissertation einen Post-Doc an.

Das Gespräch führte Redakteurin Carolin Heilig am 19.04.2022

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