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Lukas Spantzel, Doktorand am Universitätsklinikum Jena forscht in der Arbeitsgruppe „Mikroskopie-Methodik“ zum Neurotensinrezeptor 1: „Ich hatte schon als Kind den Traumberuf Wissenschaftler.“

Lukas Spantzel, 27, forscht in der Arbeitsgruppe „Mikroskopie-Methodik“ am Universitätsklinikum Jena zum Neurotensinrezeptor 1. Im Interview mit Hochschul-Job.de verrät er, wieso er sich für eine Promotion entschieden hat, ob neben der Forschung Zeit für Freizeit bleibt, wieso er sich aktuell keine Karriere in der Wissenschaft vorstellen kann und was er angehenden Promovierenden rät.

Herr Spantzel, woran forschen Sie im Rahmen Ihrer Doktorarbeit?

Spantzel: Ich forsche in der Arbeitsgruppe „Mikroskopie-Methodik“ des Universitätsklinikums Jena und beschäftige mich mit dem Neurotensinrezeptor 1. Es geht darum, die strukturelle Proteindynamik im einzelnen Rezeptor oder die Liganden- bzw. zeitabhängige Wechselwirkung mit einem anderen Rezeptor oder den Proteinen der Signalkette zu verstehen und Methodenentwicklung zu betreiben, um die Funktion von einzelnen Molekülen besser untersuchen zu können. Unser Ziel ist die Einzelmolekülmikroskopie. Das heißt, wir wollen untersuchen, wie sich die einzelnen Proteine verhalten. Dafür brauchen wir verschiedene Tricks der Physik, weil das mit der normalen Lichtmikroskopie nicht zu erkennen ist.

Lukas Spantzel – Foto: Joram Wolfrum

Wir verwenden Methoden der normalen konfokalen Fluoreszenzmikroskopie, heben diese aber auf eine Sensitivität, mit der wir einzelne Rezeptoren in der lebenden Zelle („in vitro“) beobachten können und haben gleichzeitig eine extrem hohe Zeitauflösung, um die Photophysik der Farbstoffe untersuchen zu können. Die Tricks bestehen im Optimieren des Signals/Hintergrundverhältnisses, das heißt Photophysik der Fluorophore, Laserwellenlänge, optische Filter, Sensitivität der Detektoren, und Einzelmolekül-Kontrolle mit Mikrofluidik.

Gibt es ein konkretes Anwendungsgebiet auf das Ihre Forschung hinaus läuft oder bewegen Sie sich rein im Bereich der Grundlagenforschung?

Spantzel: Ich sage immer, wir entwickeln Methoden für die Grundlagenforschung, also Anwendung ist für mich absolute Zukunftsmusik. Die Motivation hinter der Forschung ist, dass man biologische Systeme und diesen einen Rezeptor besser verstehen kann und auf Grundlage dieses Wissens dann Medikamente entwickeln beziehungsweise Targets identifizieren könnte, an die Medikamente potenziell andocken können. Das ist aber nichts, was ich jetzt konkret machen werde. Vielmehr geht es für mich darum den Neurotensinrezeptor 1 besser zu verstehen, da man weiß, dass er bei Fehlfunktionen an Krankheiten wie Alzheimer und Schizophrenie beteiligt ist. Gerade Forschung zur Alterung des Körpers wird immer wichtiger und das motiviert mich tiefer in das Thema einzusteigen.

Fehlt Ihnen manchmal ein konkreterer Anwendungsbezug?

Spantzel: Mir fehlt das eigentlich nicht, weil ich meine Motivation aus der Methodik ziehe. Ich bin eher daran interessiert die Methoden zu lernen und zu verbessern. Meine Forschung ist sehr breit angelegt, weil ich einerseits im biologischen Labor stehe und andererseits mit dem Mikroskop physiktheoretisch und praktisch arbeite. Ich weiß, dass es die Motivation gibt in der Zukunft Medikamente zu entwickeln. Allerdings ist mir auch bewusst, dass das so weit in der Zukunft stattfinden wird, dass ich daran nicht mehr beteiligt sein werde. Die Wirkstoffsuche liegt zudem außerhalb meines aktuellen Forschungsgebietes. Aber ein Motivationsproblem stellt das für mich nicht dar, weil ich mich, wie gesagt, eher für die Methoden und deren Weiterentwicklung interessiere.

Gibt es etwas, dass Sie bisher besonders an Ihrer Forschung fasziniert hat?

Spantzel: Was mich von Anfang an fasziniert hat, ist allein dieses Wort „Einzelmolekülmikroskopie“, dass wir uns wirklich einzelne Moleküle in ihrer Bewegung anschauen können. Man kennt das klassische Lichtmikroskop. Da sieht man den Querschnitt eines Blattes oder die Zusammensetzung der Zellen. Das ist bereits überraschend, weil man das mit bloßem Auge nicht sehen kann. Ich komme aus Jena und Ernst Abbe (Physiker, Statistiker, Optiker, Industrieller und Sozialreformer; entwickelte mit Carl Zeiß und Otto Schott die Grundlagen der modernen Optik – Anmerk. Red.) hat hier das Gesetz aufgestellt, dass Lichtmikroskopie in der Hälfte der Wellenlänge der Auflösung begrenzt ist. Das Licht, dass wir sehen, hat circa 500 Nanometer Wellenlänge. Das heißt, die Hälfte davon ist unsere typische Auflösungsgrenze und das galt lange als Gesetz. Das ist in Jena wortwörtlich in Stein gemeißelt, hier steht ein Denkmal dazu. Dass es inzwischen so viele Methoden gibt, um die Auflösung in den einstelligen Nanometerbereich zu führen, das hat mich von Anfang an fasziniert und motiviert mich weiter verstehen zu wollen, wie das funktioniert.

Wieso haben Sie sich grundsätzlich für die Promotion entschieden?

Spantzel: Ich hatte schon als Kind den Traumberuf Wissenschaftler, deswegen war das von Anfang an eine Option. Ich habe Biologie im Bachelor studiert und da hat ein Professor direkt gesagt ‚Promotion muss sein, unter zehn Jahren Studium geht ihr hier nicht raus.‘. Da haben wir ihn damals alle ein bisschen belächelt, aber jetzt zeigt sich, wenn man in der Wissenschaft bleiben möchte, dann gehört die Promotion einfach dazu. Ich habe während des Masterstudiums mit mir gehadert, weil man auch viel Negatives über die Promotion hört, es sei viel Stress, es sei schlecht bezahlt… Man muss ehrlich sein: Wenn ich in die freie Wirtschaft gegangen wäre nach dem Studium, würde ich mit meinem eher industriefokussierten Master der Pharma-Biotechnologie das doppelte oder das dreifache verdienen und vielleicht einen geregelteren Tagesablauf haben. Aber dafür habe ich nun die Freiheit mich selbst zu organisieren und meinen Tag frei zu planen. Es ist jeden Tag etwas anders. Das war für mich wichtig, weil ich keine Routine will, sondern jeden Tag eine neue Herausforderung suche, sonst wird mir langweilig. Ich habe mich um die Promotionsstelle aber nicht beworben. Ich habe meinen Professor, bei dem ich bereits meine Bachelorarbeit geschrieben habe, damals angesprochen, weil ich ein Referenzschreiben für ein Jobangebot in der freien Wirtschaft brauchte. Er fragte mich dann, ob ich mir auch vorstellen könnte zu promovieren. Ich habe ihm von meinen Bedenken erzählt und hatte das Gefühl, dass er darauf eingehen kann. Dann ist in mir auch wieder diese Motivation erwacht, Forschung zu betreiben, Methoden zu lernen, coole Experimente durchzuführen und „einen Beitrag für die Menschheit“ zu leisten.

Sie sagen also, Sie sehen diese negativen Aspekte, die eine Promotion mit sich bringt. Wie wiegen Sie das für sich persönlich auf?

Spantzel: Der Stress wiegt sich für mich einfach durch die Motivation auf. Es ist zwar ein großer Zeitaufwand aber solange ich Spaß daran habe, ist der Stress für mich kein Thema. Und die schlechte Bezahlung steht ja auch nur auf dem Papier, das fühlt sich für mich nicht schlecht an, weil verglichen zum Studium verdiene ich jetzt endlich mein eigenes Geld und habe einen richtigen Job im Vergleich zu früher, wo man „nur“ irgendwelche Nebenjobs hatte. Ich bin auch nicht der Mensch, der sagt ‚ich muss so viel wie möglich verdienen‘. Da ist es mir wichtiger die Abwechslung und die Herausforderung in meinem Arbeitsalltag zu haben.

Wie finanzieren Sie Ihre Forschung und Ihr tägliches Leben?

Spantzel: Ich habe den komfortablen Zustand, dass ich auf einer Haushaltsstelle an der Universität angestellt bin und direkt aus dem Topf von meinem Professor und meiner Arbeitsgruppe bezahlt werde. Aus diesem Topf finanziert sich auch das Projekt. Es ist nicht sehr hoch finanziert, aber das ist eben auch die Herausforderung sich praktikable Gedanken zu machen, wenn man nicht einfach das teure Gerät X für mehrere 10.000 Euro kaufen kann. Ich wusste vorher schon, dass es da Limitationen gibt, aber ich wusste auch, dass mein Chef immer hinterher ist, so viel es geht zu ermöglichen.

Einen Bewerbungsprozess im eigentlichen Sinne gab es für Sie dann gar nicht, oder?

Spantzel: Genau, also ich hatte meinen Professor eigentlich nach einem Bewerbungsreferenzschreiben gefragt und er meinte dann ‚komm doch mal vorbei‘. Seine Frage war gar nicht ‚Willst Du promovieren?‘, sondern ‚Welches Thema willst Du?‘. Für ihn stand das von Anfang an fest, dass ich das mache, da kann er sehr gut überzeugen. Wir haben über meine Sorgen und Ängste gesprochen und dann überlegt, welche Projekte wir umsetzen können. Am Ende ist mein Projekt, unter anderem das, was im Ausblick meiner Bachelorarbeit steht, sodass ich meinen Wissensvorsprung ausnutzen kann.

Wie ist die Stimmung in Ihrer Arbeitsgruppe?

Spantzel: Wir sind nur fünf Leute, der Professor, zwei Doktoranden, ein Post-Doc, eine TA (technische Assistentin – Anmerk. Red.) und die Stimmung ist sehr gut, weil es eben eine kleine Gruppe ist. Da steht man in ständigem Austausch, man weiß immer Bescheid, was der/die andere macht und wo man sich Hilfe holen kann. Die Arbeitsgruppen, die benachbart sind, sind auch immer sehr auf Austausch und auf gegenseitige Hilfe bedacht, also die Stimmung ist sehr gut. Der einzige Wehrmutstropfen ist, dass das Geld andauernd knapp ist und man sich darum kümmern muss, aber das mündet nicht in schlechter Laune, sondern eher in der Suche nach kreativen Lösungen.

Was ist der Grund für die andauernde Geldknappheit?

Spantzel: Wie ich es bisher mitbekommen habe, ist die Dynamik an den Universitäten so, dass Arbeitsgruppen, die viele Projekte und viele Mitarbeiter:innen haben, tendenziell mehr Stücke vom Kuchen abbekommen und deren Anteile kontinuierlich gesetzt sind, weil sie in den Entscheidungsgremien mehr Gehör finden und auf ihre laufenden Erfolge verweisen können. Die Universität kriegt eine Summe X und durch verschiedene Gremien wird der Kuchen immer weiter aufgeteilt und dann kommt am Ende nur noch Summe Y bei den einzelnen Arbeitsgruppen an, die relativ klein ist. Aber mein Professor ist immer dran neue Forschungsmittel zu erschließen.

Was gehören für Pflichten zu Ihrer Haushaltsstelle?

Spantzel: In meinem Arbeitsvertrag stehen tatsächlich keine weiteren Verpflichtungen. Ich habe das Privileg, dass ich keine Lehre halten muss. Mein Professor gibt eine Vorlesung und das zugehörige Praktikum übernimmt der Post-Doc aus unserer Gruppe. Ansonsten führe ich organisatorische Pflichten aus, wie Bestellprozesse abhandeln oder mal das Labor aufräumen. Ich habe wirklich das Privileg, dass ich mich fast vollständig auf meine Forschung konzentrieren kann. Nebenher engagiere ich mich im Doktorand:innenrat. Da habe ich ab Oktober einen gewählten Sitz. Einerseits sind wir in den Fakultätsräten und im Senat anwesend, um mitzukriegen, wenn irgendwo Themen sind, die für Doktorand:innen relevant sind und andererseits organisieren wir Partys oder sonstigen Aktivitäten zum Austausch.

Haben Sie auch Zeit für Freizeit?

Spantzel: Ich bin, wie zumeist üblich, mit einer halben Stelle für 20 Stunden die Woche angestellt. In einer Promotion gehört es, wie ich finde, aber dazu auch seine Freizeit in das Projekt zu investieren. Eine 60-Stunden-Woche kommt durchaus vor. Daher bin ich dennoch voll ausgelastet und die Grenzen sind fließend. Ich empfinde das aber nicht als zu viel für mich, weil ich durchgehend Spaß an der Arbeit habe und ich es mir oft frei einteilen kann. Also wenn ich mir in meiner Freizeit etwas vorgenommen habe, dann kann ich das immer so planen, dass ich das machen kann. Klar, gibt es auch mal die Tage, an denen man 12, 14, 16 Stunden bei der Arbeit ist und danach einfach nur ins Bett fällt, aber dann schaue ich, dass ich mir am Wochenende nichts vornehme und da den Schlaf nachhole.

Und das ist wirklich okay für Sie so?

Spantzel: Okay ist es natürlich nicht. Es wäre besser die volle Zeit bezahlt zu bekommen, aber es ist die Realität, die ich auch von anderen Doktorand:innen höre. Es geht ja auch nicht nur um die Bezahlung, sondern ebenso um das Versprechen, dass ich am Ende einen Abschluss bekomme, wenn ich meine Leistung erbringe, was viel mehr wert ist als Geld.

Was würden Sie sich für Änderungen für das System der Promotion wünschen?

Spantzel: Eine bessere Finanzierung wäre natürlich wünschenswert, dass man nicht 50% Gehalt bekommt aber 150% leisten muss. Ansonsten habe ich persönlich keine Kritikpunkte. Viele andere würden jetzt wahrscheinlich die Betreuung nennen, aber da habe ich einfach den großen Vorteil, dass ich vorher wusste, wer mich betreut und dieses Risiko komplett ausklammern konnte. Für angehende Doktorand:innen, die losgehen und sich auf ausgeschriebene Promotionsstellen bewerben, ist die Frage nach der Betreuungsqualität aber wie Russisch Roulette.

Erinnern Sie sich an Startschwierigkeiten am Anfang Ihrer Promotion?

Spantzel: Die Startphase war bei mir eher ein Wiederreinfinden. Ich habe erstmal meine Bachelorarbeit durchgearbeitet und gemerkt, wie schlecht ich die damals geschrieben habe und dass sich die Masterarbeit schon gelohnt hat und ich mich persönlich weiterentwickelt habe. Die Startschwierigkeit war, dass das Projekt sehr grob gefasst war. Die konkrete Themenfindung soll im Prozess erfolgen. Das heißt, ich musste mich erstmal in die Literatur einlesen und versuchen eine geeignete Forschungsfrage zu finden und geeignete Methoden zu identifizieren. Man hat ja dann schon Lust ins Labor zu gehen, aber ich habe die ersten vier oder sechs Wochen dagesessen und nur Literatur gelesen. Ansonsten war die Startschwierigkeit eher, dass mir sehr wenig zur Einführung an die Hand gegeben wurde, wie der Apparat Universitätsklinikum Jena und die ganze Verwaltung funktioniert. Ich habe sehr viele Telefonate geführt, um triviale Dinge, wie zum Beispiel den Ablauf von Bestellvorgängen, herauszufinden.

Welchen Mehrwert erhoffen Sie sich aus der Promotion für Ihr persönliches Leben und Ihre Karriere?

Spantzel: Also für mein Leben erhoffe ich mir den Wissensgewinn das System Wissenschaft von innen gesehen zu haben und mehr über die Natur zu erfahren. Mich hat das immer frustriert, dass man nicht mehr Universalwissenschaftler:in werden kann, deswegen finde ich es großartig, dass wir diese interdisziplinäre Forschung zwischen der Biologie und der Physik machen. Wir werden von beiden Fachwelten mit einem schiefen Blick angeschaut, weil wir immer die Ausnahme sind. Die Physiker:innen schauen uns komisch an, weil wir mit lebenden Sachen arbeiten und die Biolog:innen kennen das nicht, dass man selber Mikroskope baut und so einen technischen Aufwand betreibt. Die Motivation Karriere habe ich nicht so sehr. Das ist ein nettes Beiwerk und ich hoffe, dass das irgendwas bringt, aber ich bin kein Mensch, der um jeden Preis Karriere machen muss. Ich komme schon eher über den Aspekt des Wissensgewinns dahin. Ich kann mir auch vorstellen beruflich etwas zu machen, wofür die Promotion überhaupt nicht nötig wäre.

Würden Sie diesen Schritt zur Promotion an Masterstudierende weiterempfehlen?

Spantzel: Ich glaube, eine generelle Empfehlung kann man nicht aussprechen, weil jeder/jede die bestehenden Risiken für sich bewerten muss. Ich habe mich mit vielen Leuten unterhalten, die bereits promovieren oder überlegen eine Promotion zu beginnen, weil jeder/jede eine eigene Sichtweise hat und nochmal auf andere Dinge hinweisen kann. Ich glaube, jeder/jede muss die Informationen selbst zusammentragen und für sich selbst bewerten. Einfach zu sagen ‚ich will promovieren, weil ich gehört habe, dass das cool ist‘, das sollte man nicht tun, weil dann stellt man vielleicht nach einem Jahr fest, dass es doch nicht passt und hat ein Jahr in den Sand gesetzt. Gerade wenn man es für die Karriere machen will, sieht eine abgebrochene Promotion im Lebenslauf nicht gut aus.

Waren Sie schon an dem Punkt, dass Sie es bereut haben nach dem Master nicht in die Wirtschaft gegangen zu sein?

Spantzel: Der Punkt kommt meistens dann, wenn die ganze Woche sehr stressig war und man erst spät ins Bett kommt und sich denkt ‚in der Wirtschaft würde ich die Überstunden zumindest bezahlt bekommen‘. Den Punkt gibt es, aber der hält eigentlich immer nur an, bis ich am nächsten Tag wieder im Labor stehe und ein interessantes Experiment mache.

Haben Sie schon einen Plan davon, wo sie sich in 10 Jahren sehen?

Spantzel: Der hat sich in den letzten Wochen sehr gewandelt, weil ich jetzt viele Graduiertenkurse und Workshops zur Wissenschaftslandschaft in Deutschland besucht habe. Das Problem ist das Wissenschaftszeitgesetz und der Weg zur Professur, der sehr steinig ist und am Ende stark mit Kontakten, Beziehungen und Glück verknüpft ist. Ich würde super gerne weiter Forschung betreiben aber nicht in der deutschen Wissenschaftslandschaft im aktuellen Zustand. Gleichzeitig stelle ich es mir schwierig vor im Ausland in eine Wissenschaftslandschaft reinzukommen und deswegen sehe ich mich aktuell eher in der Industrie.

Also die Umstände in der Wissenschaft halten Sie von einer Karriere in der Forschung ab?

Spantzel: Ja, das Hauptargument ist die fehlende Stetigkeit. In der Wissenschaft wird ständige Mobilität gefordert, da ist die Promotion mit drei bis fünf Jahren schon die absolute Ausnahme. Ich kann mir das nicht vorstellen alle zwei Jahre irgendwo anders hinzuziehen. Wie soll man da eine Beziehung führen oder eine Familie aufbauen? Das ist für mich nicht machbar.

Was würden Sie angehenden Doktorand:innen raten, worauf kommt es während der Promotion an?

Spantzel: Was vielleicht viele Doktorand:innen aufgrund des Stresses, den sie haben, aus dem Blick verlieren ist, wie wichtig die Vernetzung mit anderen Doktorand:innen ist. Einerseits natürlich in der eigenen Disziplin, daraus können sich beispielsweise Kooperationen ergeben, von denen die eigene Forschung profitiert, aber andererseits auch mit Nachwuchsforscher:innen aus anderen Disziplinen. In den meisten Universitätsstädten ist die Doktorand:innenlandschaft sehr multikulturell. Ich habe viele Leute von überall auf der Welt getroffen, was für mich und meine Persönlichkeitsentwicklung spannend ist und auch einfach mal mit Leuten aus anderen Fachbereichen zu sprechen kann einen großen Mehrwert bieten. Ich bin jemand, der auf andere Leute zu geht und so genau wie möglich wissen will, woran sie forschen, was sie machen und ich glaube, da sollte man sich auch die Zeit für nehmen. Man trifft viele Leute, die ganz anders sind als man selbst, und da kann man auch mal einen lustigen Abend in ungezwungener Umgebung verbringen. Auch Angebote zu Workshops sollte man auf jeden Fall wahrnehmen. Die Graduiertenakademie in Jena bietet zum Beispiel Kurse zum Datenmanagement, zur academic presentation oder zur Einwerbung von Drittmitteln.

Wie lange sind Sie voraussichtlich noch mit Ihrer Promotion beschäftigt?

Spantzel: Wir haben einen Arbeitsplan gestaltet, der auf vier Jahre ausgelegt ist, also bis 2025. Ich habe aktuell einen Arbeitsvertrag über drei Jahre und mein Professor kann den dann immer um ein Jahr verlängern, wenn er noch Erfolgschancen in dem Projekt sieht. Die Finanzierung meiner Stelle ist so lange gesichert, wie der Professor an der Universität ist, also bis er in Rente geht und solange hatte ich nicht vor das auszureizen. Also vier Jahre sind schon das Ziel und bis dahin wird sich mein Gedankengang zur beruflichen Zukunft auch noch mehrfach ändern, deswegen mache ich mir da noch keine Sorgen.

Das Gespräch führte Redakteurin Carolin Heilig am 22.06.2022.

Interviews Promovierende, Karriere Biologie, Karriere Physik, Karriere und Wissenschaft