Portrait by Michel Buchmann

Promotion mit Kind – Politikwissenschaftler Nils Vief im Interview: „Alles steht und fällt mit der Kinderbetreuung.“

Nils Vief, 37, ist Vater einer anderthalbjährigen Tochter, promoviert am Institut für Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg zur Wirklichkeitskonstruktion in digitalen Öffentlichkeiten und engagiert sich in der dortigen Promovierendenvertretung. Im Interview mit hochschul-job.de verrät er, wie seine Forschung abläuft, was der Schlüssel zum Erfolg einer Promotion mit Kind ist, welchen Weg der Promotionsfinanzierung er gewählt hat und welche Erfahrungen er während seiner Tätigkeit für die Promovierendenvertretung gesammelt hat.

Herr Vief, worum dreht sich die Forschung, die Sie für Ihre Doktorarbeit betreiben?

Vief: Mein Fachgebiet hier am Institut ist die politische Kommunikation im Zuge der Digitalisierung. Ich interessiere mich dafür, wie der digitale Wandel der Gesellschaft, in der Forschung heißt das auch der digitale Strukturwandel der Öffentlichkeit, das politische System Deutschlands verändert und was das für Veränderungen für die Gesellschaft zur Folge hat. Das untersuche ich am Beispiel von Filterblasen. Die Frage ist, ob es in Deutschland in den sozialen Medien überhaupt Filterblasen gibt. Den Begriff der Filterblase muss ich vielleicht kurz erklären: Filterblase entsteht dadurch, dass die meisten digitalen Plattformen durch Algorithmen gesteuert werden, die angebotene Inhalte personalisieren.

Nils Vief – Foto: Michael Buchmann

Das Problem dabei ist, die Algorithmen schlagen auch gezielt politische Inhalte vor. Der Facebook-Algorithmus hat beispielsweise ein gutes Verständnis davon, welche Themen mich interessieren und filtert die politischen Informationen, die mir angezeigt werden. Die Forschung weiß noch immer nicht genau, was die Effekte dieser Filterblasen sind und wie schlimm das ist. Die Befürchtung ist, dass Menschen in völlig unterschiedliche Bubbles abdriften, sodass beispielsweise Menschen, die skeptisch gegenüber der Covid-19-Politik und der Corona-Impfung sind, nur noch Nachrichten angezeigt bekommen, die bestätigen, dass es sich um eine große Verschwörung handelt und die Impfung nicht wirkt und gleichzeitig Menschen, die nicht skeptisch sind, diese Nachrichten überhaupt nicht zu sehen bekommen. Oder zum Beispiel in den USA ist sehr umstritten, ob die letzte Präsidentschaftswahl legitim war oder nicht. Wenn es dort Filterblasen gäbe, könnte es sein, dass einige Menschen andauernd Nachrichten sehen, die sagen, die Wahl war ein Betrug und andere Menschen vollkommen andere Nachrichten sehen. Wenn das so wäre, dann hätten wir Filterblasen und das wäre ein Problem für die Demokratie, denn die Voraussetzung für demokratischen Austausch ist eine gemeinsam geteilte Wirklichkeit. Wenn die Menschen sich nicht mehr einig darüber sind, was überhaupt die Realität in unserer Gesellschaft ist, weil sie auf ihren Bildschirmen vollkommen andere Bilder der Welt zu sehen bekommen, dann können sie auch keine demokratischen Lösungen für die Probleme unserer Zeit finden.

Sie sprachen gerade im Konjunktiv. Ist nicht längst klar, dass es diese Filterblasen gibt?

Vief: Was es definitiv gibt sind Filter. Ob daraus aber folgt, dass die Menschen in abgetrennte Öffentlichkeiten abdriften, sodass Menschen, die den Klimawandel skeptisch sehen, überhaupt nicht mehr wissen, dass es auch Wissenschaftler:innen gibt, die den Klimawandel bestätigen, ist umstritten. Also es ist unklar, wie stark dieser Effekt ist, weil die meisten Menschen sich nicht nur in sozialen Medien informieren, sondern gleichzeitig die Tagesschau sehen oder Zeitung lesen. Der Effekt ist wahrscheinlich bei Menschen, die gegenüber klassischen Nachrichtenquellen skeptisch sind und die sich weit an den politischen Rändern bewegen, stärker. Aber wie stark wissen wir nicht genau. Das möchte ich gerne herausfinden, aber das ist sehr schwierig zu untersuchen, weil die Plattformen ihre Daten nicht zur Verfügung stellen.

Wie führen Sie ihre Forschung durch?

Vief: Am einfachsten wäre es, wenn Plattformen, wie Facebook, ihre Daten zur Verfügung stellen würden. Dann könnte ich beispielsweise 10.000 Timelines am Tag vor der Bundestagswahl untersuchen und so herausfinden, ob bestimmte Menschen Falschinformationen in ihrer Timeline hatten. Aber das macht Facebook nicht, deshalb muss ich das über ein Experiment simulieren und das mache ich mit Studierenden. Die Studierenden bekommen zwei Tablets. Diese sind technisch identisch und haben verschiedene Accounts installiert, wie ein Facebook- oder ein Google-Konto. Der einzige Unterschied zwischen den Tablets ist, dass das eine idealtypisch rechts und das andere idealtypisch links genutzt wird. Die Studierenden liken und teilen also Beiträge, die ein idealtypisch rechter Nutzer/eine idealtypisch rechte Nutzerin beziehungsweise ein idealtypisch linker Nutzer/eine idealtypisch linke Nutzerin liken oder teilen würde. Die Frage, was eigentlich typisch links und typisch rechts ist, besprechen wir ausführlich im Seminar. Das ist eine schwierige Frage und gar nicht so leicht zu definieren. Wir schauen uns dann über den Verlauf des Semesters an, wie sich die rechten und linken Timelines entwickeln. Dabei versuchen wir eine möglichst realistische Nutzung zu simulieren, wobei die Accounts passiv bleiben müssen. Aus forschungsethischen Gründen dürfen die Studierenden sich nicht wie echte Menschen verhalten und zum Beispiel andere Menschen anschreiben, sonst würden sie als social bot agieren. Aber sie dürfen alles aufnehmen, was auf die Accounts einprasselt. Auch da zeigen sich schon interessante Dynamiken. So sammelte ein rechter Account bei Facebook über die Zeit 2.000 Freund:innen und bekam Einträge auf der Pinnwand, obwohl von dem Account nie ein Wort geschrieben wurde. Das ist eine Beobachtung, die schon etwas zurück liegt. Mittlerweile geht Facebook wohl besser dagegen vor, dass ein Account ohne Zutun so sehr in eine rechte Bubble abdriftet.

Was ist die Herausforderung bei dieser Konzeptionierung der Untersuchung?

Vief: Was man berücksichtigen muss ist, dass junge Menschen und Studierende der Sozialwissenschaften statistisch gesehen eher links eingestellt sind. Ich muss also ein Auge darauf haben, dass die beiden Accounts gleichberechtigt gepflegt werden. Der linke Account wird oft so gepflegt, wie die Studierenden ihre eigenen Profile führen, während man bei dem rechten Account aufpassen muss, dass er nicht zu einer Karikatur dessen wird, wie linke Studierende sich das Verhalten eines rechtsradikalen Menschen im Netz vorstellen, was dann zu Verzerrungen führt. Also beispielsweise wollten die Studierenden mit dem rechten Account der NPD folgen, während der linke Account den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, also totalen Mainstream-Formaten, gefolgt ist. Das ist natürlich nicht äquivalent. Das Nutzungsverhalten und die Intensität müssen gleich sein. Wenn die Studierenden eine Stunde mit dem rechten Tablet surfen, dann müssen sie das auch eine Stunde mit dem anderen Tablet tun und wenn der eine Account sehr weit rechts verortet wird, dann muss der andere entsprechend weit links verortet werden und sehr radikal-libertäre Positionen vertreten.

Nils Vief über die Herausforderungen einer Promotion mit Kind

Sie haben eine anderthalbjährige Tochter und promivieren parallel. Was sind Ihrer Meinung nach die größten Stolpersteine, wenn man Familie und Promotion unter einen Hut kriegen möchte?

Vief: Also ich kann für mich und für alle anderen Promovierenden mit Kind, die ich kenne, sagen, man unterschätzt vorher vollkommen wie viel Zeit ein Kind in Anspruch nimmt, wie viel man noch arbeiten kann und wie sich die Prioritäten im Leben verändern. Die meisten Menschen, die promovieren, machen das mit Herzblut und die Promotion ist sozusagen ihr Baby. Aber ab dem Moment, in dem man ein Kind hat, ist das Baby die Priorität eins im Leben und die Promotion ist etwas, was man macht, wenn man danach noch Zeit hat. Laut Wissenschaftszeitvertragsgesetzt hat man, wenn man ein Kind bekommt, zwei zusätzliche Jahre Qualifikationszeit. Man kriegt also zwei zusätzliche Jahre, die man brauchen darf, um die Promotion abzuschließen und ich kann sagen, diese Zeit braucht man auch wirklich.

Sind Sie dann automatisch länger an der Universität beschäftigt oder wie wird das umgesetzt?

Vief: Nicht zwangsläufig. Die Universität darf mich zwei Jahre länger auf einer Qualifikationsstelle beschäftigen aber sie müssen die Verträge nicht verlängern. In meinem Fachbereich ist es Gott sei Dank üblich, dass die Verträge um mindestens ein Jahr verlängert werden, aber diese Verlängerung funktioniert auch nur für Lehrstuhlstellen. Eine andere Möglichkeit die Promotion zu finanzieren sind sogenannte Projektstellen. Diese sind an ein Forschungsprojekt und dessen Finanzierung gebunden und dementsprechend zeitlich begrenzt. Ich habe zusätzlich zu meiner Stelle an der Universität Marburg noch eine solche Projektstelle, deshalb habe ich Erfahrung mit beiden Modellen. Wenn man auf einer Projektstelle arbeitet, hängt die Befristung des Vertrages davon ab, wie lange das Projekt läuft. Wenn man ein Kind bekommt, verändert sich ja nicht automatisch die Laufzeit des Forschungsprojektes. Selbst wenn man Elternzeit nehmen möchte, bekommt man nicht automatisch eine Vertragsverlängerung über diesen Zeitraum, weil das Forschungsprojekt trotzdem zu einem festen Zeitpunkt endet. Die dritte Art, wie man sich finanzieren könnte, wäre über ein Stipendium. Ich glaube, das kann man auch verlängern, aber das ist immer nur eine Kann-Regelung. Man bekommt nicht automatisch zwei Jahre zusätzlich, wenn man ein Kind bekommt.

Sie finanzieren sich also einerseits über die Lehrstuhlstelle und andererseits über eine Forschungsstelle?

Vief: Ich habe zuerst ausschließlich an der Universität Marburg auf der Lehrstuhlstelle gearbeitet. Dort gebe ich ganz klassisch Seminare und helfe den Lehrstuhl am Laufen zu halten. Im Gegenzug habe ich ein Büro an der Universität und darf promovieren. So funktioniert das auf den allermeisten Lehrstuhlstellen, egal welches Fach. Man fährt dann auch zu Konferenzen, stellt sein Promotionsprojekt vor und knüpft Kontakte zu anderen Forschenden. Irgendwann schrieb mich ein Professor aus Hamburg an und wollte mich aus Marburg abwerben. Er hatte ein Forschungsprojekt genehmigt bekommen und brauchte Mitarbeiter:innen dafür. Er bot mir eine 100% Stelle an, was ja erstmal total schön ist, aber mit einem Kind, das gerade in der Kita angefangen hat, kann ich nicht einfach nach Hamburg umziehen. Das ist sozusagen eine weitere Sache mit Kind. In der Wissenschaft wird immer von einem erwartet, dass man sehr flexibel ist, dass man alle paar Jahre die Universität wechselt und umzieht, aber wenn ein Kind in die Schule oder in die Kita geht, kann man nicht einfach mal eben so den Wohnort wechseln. Ich habe das Angebot aus Hamburg erstmal abgelehnt. Dann wurde mir eine 50% Stelle angeboten mit der Möglichkeit von zu Hause zu arbeiten und so kam es, dass ich nun beide Stellen gleichzeitig mache.

Wie koordinieren Sie Ihren Tagesablauf zwischen Familie, Promotion, Lehre und Forschung?

Vief: Alles steht und fällt mit der Kinderbetreuung. Unsere Tochter hat mit acht Monaten angefangen in die Kita zu gehen, aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass der Tag, an dem die Kita beginnt, nicht der Tag ist, ab dem das Kind durchgängig betreut ist. Die Kinder werden eingewöhnt, sie sind oft krank, man hat das Kind schlicht nicht ständig in der Betreuung. Auch jetzt könnte es jederzeit sein, dass die Kita anruft und ich dieses Interview abbrechen müsste. Aber seit meine Tochter in den Kita geht, ist mein Tagesablauf folgendermaßen: Ich fahre morgens gemeinsam mit meiner Tochter los, gebe sie in der Uni-Kita ab, fahre weiter ins Büro und arbeite ungefähr bis 15 Uhr. Dann hole ich sie wieder ab und wir fahren nach Hause. Meine Arbeitszeit hier im Büro ist also die Zeit, in der meine Tochter in der Kita ist. Schaffe ich zwischen neun und 15 Uhr all meine Arbeit, die ich erledigen muss? Nein, natürlich nicht. Es kommt also oft vor, dass ich Meetings abends mache, wenn meine Tochter schläft. Das ist die Realität. Dazu muss ich auch nochmal sagen, Sie interviewen mich hier als Mann. Ich würde sagen, das alles ist nochmal eine Nummer schwieriger als Frau. Meine Frau und ich teilen uns die Arbeit gleichberechtigt auf, aber trotzdem ist eine Frau durch eine Schwangerschaft und durch ein Kind stärker eingeschränkt als ein Mann.

Wenn Sie auf die Zeit zurückblicken, haben Sie Ihre Entscheidung zur Promotion mit Kind bereut?

Vief: Nein, ich persönlich keine Sekunde, aber ich war mir auch vorher bereits darüber klar, dass die Karriere für mich nicht an erster Stelle steht, dass ich zum Beispiel, wenn ich einen großartigen Job in Tokyo oder New York angeboten bekomme, egal wie toll der ist, den einfach nicht annehmen werde. Man muss sich darüber im Klaren sein, was man möchte. Wenn man ein Kind hat, steht die Karriere nicht mehr an erster Stelle. Dann ist der Job halt ein Job. Ich habe das auf keinen Fall bereut, ich bin aber trotzdem auch ehrlich zu anderen Leuten. Wenn Menschen Kinder bekommen während sie in dieser wissenschaftlichen Qualifikationsphase sind, in der sie publizieren müssen, in der hoher Arbeitsdruck herrscht, dann können sie nicht wie die Kolleg:innen ohne Kind Abende und Wochenenden durcharbeiten und Paper schreiben. Dessen muss man sich einfach bewusst sein.

Glauben Sie, dass die Qualität Ihrer Promotion irgendwie leidet?

Vief: Man muss an einer Stelle sparen. Entweder man spart an der Qualität oder man spart an der Zeit. Das heißt, man braucht um eine genauso gute Promotion abzugeben deutlich länger.
Würden Sie sich Änderungen im System der Promotion wünschen, damit es besser vereinbar wäre?
Vief: Erstmal muss man sagen, dass die Universität beziehungsweise der öffentliche Dienst als Arbeitsgeber, zumindest, wenn man seine Promotion so finanziert wie ich und das Glück hat auf festen Stellen zu arbeiten, viele Vorteile bietet. Andere Menschen müssen vielleicht Angst haben, dass sie gekündigt werden, wenn sie Elternzeit nehmen. Das ist an der Universität kein Problem. Zudem gibt es eine Universitätskita und ich habe viele Unterstützungsstrukturen am Institut. Es gibt sogar einen Eltern-Kind-Raum, wo ich meine Tochter theoretisch mitbringen könnte. Im Vergleich zu anderen Arbeitgeber:innen ist die Universität gut auf Kinder eingerichtet. Ich würde auch allen Promovierenden empfehlen diese Angebote in Anspruch zu nehmen. Eine Änderung, die wirklich allen Menschen helfen würde, wäre die Vertragsverlängerung, die einem ja laut Wissenschaftszeitvertragsgesetz zusteht, zu einer automatischen Muss-Regelung zu machen. Im Endeffekt sind die Menschen von ihrem Fachbereich, von ihren Chef:innen abhängig, müssen sich mit denen auseinandersetzen, müssen Anträge stellen. Man weiß, wenn man ein Kind bekommt, vorher nicht, ob man eine Vertragsverlängerung für die Promotion und die Finanzierung kriegt oder nicht. Es gibt da meistens Lösungen, aber es ist immer etwas, worum man selbst kämpfen muss. Das wäre eine wichtige Veränderung, dass man, genauso wie bei der Elternzeit, ein Recht auf eine Verlängerung hat und fest mit einer zusätzlichen Zeit und Finanzierung planen kann. Das würde den Menschen wirklich helfen und auch unglaublich viel Bürokratie ersparen.

Gibt es den einen Schlüssel zum Erfolg, damit die Vereinbarkeit von Promotion und Kind gelingt?

Vief: Das wichtigste ist wirklich die Kinderbetreuung. Man sollte mit der Betreuung des Kindes als Paar nicht allein sein. Ich habe keine Ahnung, wie Alleinerziehende das stemmen mit Kind zu promovieren. Also man sollte Hilfe haben. Das können auch Verwandte oder Freund:innen sein. Man braucht irgendein System und eine Struktur, die einem einen geregelten Arbeitsablauf ermöglicht, sodass man Zeiten hat, in denen man sich voll ums Kind kümmern kann, aber auch Zeiten, in denen man sich voll auf die Arbeit oder auf die Promotion konzentrieren kann. Das ist, glaube ich, der wichtigste Schlüssel. Meine Erfahrung ist, wenn man dann dazu gezwungen ist, wird man effektiver. Das ist die etwas tröstliche Nachricht, die ich geben kann. Ich möchte hier auch niemanden davon abbringen während der Promotion Kinder zu bekommen!

Die Vereinbarkeit von Job und Familie wird ja in der Wissenschaft auch nicht unbedingt besser, oder?

Vief: Genau, das stimmt völlig. Die Freizeit wird nach der Promotion nicht mehr. Das Einzige was sich vielleicht verändert ist, dass die Bezahlung besser wird und die Finanzen anders aussehen, aber ich würde nicht dazu raten, einen Kinderwunsch aufzuschieben. Wenn man Kinder haben möchte, muss man ohnehin sein restliches Leben mit der Familie vereinen. Um diese Problematik kommt man nicht herum.

Können Sie sich vorstellen in der Wissenschaft zu bleiben nach Ihrer Promotion?

Vief: Ich kann es mir vorstellen, bin aber auf keinen Fall darauf festgelegt. Das würde ich auch niemandem empfehlen, weil eine Karriere in der Wissenschaft von vielen Unsicherheiten begleitet wird. Was ich sicher weiß ist, ich arbeite gerne in der Politikwissenschaft und möchte weiter als Politikwissenschaftler arbeiten. Ich möchte mich weiter mit diesen Themen auseinandersetzen, mit denen ich mich auch jetzt beschäftige, aber dafür gibt es verschiedene Optionen.

Haben Sie noch einen abschließenden Ratschlag für alle Promovierenden mit Kind oder Menschen, die sich überlegen diesen Schritt zu wagen?

Vief: Ich würde sagen, kümmert euch rechtzeitig um den ganzen Papierkram. Es müssen viele Anträge gestellt werden, zum Beispiel für Elternzeit oder Elterngeld. Kümmert Euch rechtzeitig um einen Kitaplatz, solange das Kind noch nicht auf der Welt ist. Klärt alles, was sich vorher schon klären lässt, vor der Geburt. Klärt mit Eurem Arbeitgeber, wie das Arbeitsverhältnis wird, wenn das Kind da ist. Könnt ihr Elternzeit nehmen oder nicht? Wenn man in der Lehre arbeitet, ist es wichtig frühzeitig zu planen, weil die Lehrveranstaltungen fast ein Jahr im Voraus festgelegt werden. Ich habe schon lange eingereicht, was ich im nächsten Wintersemester für Lehrveranstaltungen geben werde. Man neigt in der Wissenschaft dazu dann noch für eine Tagung zuzusagen oder zu versuchen ein Abstract einzureichen. Das habe ich auch gemacht. Ich habe eine große Konferenz organisiert mit einem Kollegen, die sich corona-bedingt verschoben hat, sodass sie nach der Geburt meiner Tochter stattfand und das war ein großer Fehler. Man sollte dafür sorgen, dass man in den Monaten nach der Geburt einfach keine Pflichttermine hat. Man kann eigentlich für eine ganze Weile keinen Termin mehr mit absoluter Sicherheit zusagen. Ich habe mir jetzt angewöhnt all meinen Kolleg:innen, wenn Besprechungen abends sind, zu sagen ‚ich kann zu 80% kommen‘. Sicher kann man nie kommen. Das Kind kann immer krank werden. Das ist eine weitere Sache, die ich völlig unterschätzt habe. Sobald ein Kind in die Kita geht, ist es regelmäßig krank. Die kriegen einfach sehr viele Krankheiten in der Kita. Das bedeutet, man ist zu Hause und kann selbst nicht arbeiten, weil man sein Kind betreuen muss und, was ich überhaupt nicht bedacht habe, die Kinder stecken einen als Eltern fast immer an. Ich war noch nie in meinem Leben so oft krank wie in diesem Winter.

Zusätzlich sind Sie auch noch Mitglied der Promovierendenvertretung. Womit beschäftigen Sie sich in diesem Zuge?

Vief: Ein grundsätzliches Problem an der Universität ist, dass die Promovierenden eigentlich immer zwischen den Stühlen stehen. Die Universitätspolitik und die Mitbestimmung dort ist über Statusgruppen geregelt. Es gibt die Statusgruppe der Studierenden, die Statusgruppe der Professor:innen und dann gibt es die Statusgruppe des Mittelbaus. Das sind die wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen, die an der Universität angestellt sind. Viele Promovierenden gehören aber offiziell nicht zu dieser Gruppe, weil sie sich beispielsweise über ein Stipendium finanzieren und wie Studierende an der Universität immatrikuliert sind. Trotzdem haben sie natürlich andere Bedürfnisse als Student:innen. Man merkt an der Arbeitssituation von Promovierenden, dass ihre spezifischen Interessen zu wenig Aufmerksamkeit erfahren. Um den Promovierenden eine politische Vertretung zu geben, haben wir eine Vollversammlung der Promovierenden organisiert und eine Vertretung gewählt. Damit waren wir zwar noch keine offizielle Statusgruppe aber wir haben uns in allen Gremien der Universität vorgestellt und das Präsidium hat das positiv aufgenommen. Wir können nun Sachen zu unserem Interesse gestalten. Gerade fanden die Senatswahlen statt, da sind wir mit einer Liste angetreten und haben jetzt ein stimmberechtigtes Mitglied im Senat. Es ist wichtig, dass auch Promovierende eine Interessensvertretung haben, weil sie in einem sehr starken Abhängigkeitsverhältnis stehen. Wenn man an der Universität einen Arbeitsvertrag hat, dann ist der Professor/die Professorin am Lehrstuhl meist Chef:in und Erstbetreuer:in der Promotion in einem. Das heißt, sowohl die Promotion als auch der Arbeitsvertrag, ob man seine Miete bezahlen kann und ob die Forschung gelingt, das hängt alles von einem Menschen ab. Das ist eine sehr große Machtbeziehung. Wenn man also beispielsweise mit den Arbeitsbedingungen unzufrieden ist und da eine Auseinandersetzung mit dem Chef/der Chefin hat, wirkt sich das auch auf die Betreuung der Promotion aus. Daher ist es so wichtig, dass es irgendeine andere Institution gibt, an die sich die Promovierenden wenden können. Das häufigste Thema, mit dem Doktorand:innen an uns heran treten, ist das Betreuungsverhältnis. Wenn Promovierende sich mit ihren Betreuer:innen zerstreiten, steht sofort die gesamte Universitätskarriere auf dem Spiel, weil das sehr stark von diesen Verhältnissen abhängt. Auch die Ausgestaltung der Arbeitsverträge, wie viel Zeit beispielsweise für die Promotion genutzt werden darf und wie viel Lehrverpflichtungen erfüllt werden müssen, ist ein zentrales Anliegen unserer Vertretung.

Kommt es häufiger vor, dass sich Promovierende mit den Betreuer:innen zerstreiten?

Vief: Das hatten wir schon und konnten dann zum Glück auch helfen. Man darf nicht vergessen, Promotionen haben eine sehr hohe Abbrecher:innenquote. Bei weitem nicht alle Menschen, die anfangen zu promovieren, schließen die Promotion auch ab. Oft kriegt man Jobangebote, die viel attraktiver sind, aber auch zwischenmenschliche Probleme spielen häufig eine ausschlaggebende Rolle. Nur selten scheitert die Promotion an inhaltlichen Kriterien oder daran, dass die Forschung nicht funktioniert. Man darf nicht unterschätzen, wie wichtig die Stimmung im Team und in der Arbeitsgruppe ist. Es gibt viele Fächer, in denen man der/die einzige Mitarbeiter:in ist und da ist es dann einfach sehr wichtig, dass das gut passt.

Gibt es einen Schlüssel zum Erfolg, damit eine Promotion gelingt? Worauf muss man achten auch speziell im Punkto Betreuung?

Vief: Ich würde empfehlen, wenn man eine Promotion anfängt und sich eine Stelle sucht, nicht ausschließlich nach den wissenschaftlichen Kriterien zu gehen und danach, wer die spannendste Forschung macht. Stattdessen sollte man schauen, ob man sich in einem Team wohl fühlt und dort gerne arbeiten möchte. Man verbringt sehr viel Zeit dort, deshalb sollte man sich mit den Menschen gut verstehen. Ein weiterer Schlüssel, damit die Promotion erfolgreich ist, ist die Reduktion. Zu Beginn einer Promotion hat man viele Vorstellungen davon, was man erforschen möchte, aber vieles davon muss man über Bord werfen. Das ist eine wichtige Komponente erfolgreicher Forschung, sich auf ein bestimmtes Thema fokussieren zu können und dann wirklich nur das zu bearbeiten. Einen weiteren Tipp, den ich geben kann, der mir gut geholfen hat: Eine Promotion ist ein riesiger Berg, der vor einem steht. Das ist wahrscheinlich für die meisten Menschen die größte Arbeit und die größte Forschungstätigkeit, die sie bisher in ihrem Leben durchgeführt haben. Man hat keine Ahnung, wie man das bewältigen soll. Was dann gut hilft, ist das in kleine Schritte aufzuteilen: Was muss ich im nächsten Monat oder in dieser Woche schaffen, um voranzukommen? Man sollte sich erstmal kleine Ziele stecken und versuchen diese zu erreichen. Es hilft, den Prozess in bewältigbare Aufgaben zu unterteilen. Zudem bieten alle Universitäten Förderprogramm beispielsweise von methodischen Fortbildungen über Schreibretreats (Rückzug zum Schreiben an einen abgelegenen Ort, entkoppelt vom universitären Alltag; wörtlich aus dem Englischen übersetzt: Rückzug – Anmerk. Red.) bis hin zu Beratungsangebote an und ich kann nur empfehlen das in Anspruch zu nehmen.

Wie wichtig ist für Sie die Vernetzung mit anderen Dokorand:innen?

Vief: Ich bin hier recht gut vernetzt mit verschiedenen Promovierenden aus verschiedenen Fachbereichen und kann das wirklich nur empfehlen. All diese Probleme, die in der Promotion auftreten, wenn man denkt ‚oh Gott, ich komme gar nicht voran und ich promoviere viel schlechter als die anderen oder meine Forschung ist nicht gut genug‘, das geht anderen Promovierenden über die Fachbereiche hinweg genauso. Mir hat das sehr geholfen mich mit anderen Promovierenden zu vernetzen und auszutauschen.

Wo sehen Sie sich selbst in 10 Jahren?

Vief: Ich sehe mich als Politikwissenschaftler, der weiter zu diesen Themen forscht und verstehen möchte, wie bestimmte Prozesse unsere Demokratie und das politische System in Deutschland verändern. In welchem Kontext und wo genau ich dazu arbeiten werde, da bin ich ziemlich offen. Solange ich weiter in der Politikwissenschaft arbeiten und forschen kann, bin ich zufrieden!

Das Gespräch führte Redakteurin Carolin Heilig am 29.06.2022.

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