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Tabea Linde – Doktorandin am Institut für Inflammation und Neurodegeneration an der Universität Magdeburg: „Man sollte Flexibilität mitbringen, um sich auf lange Versuchstage, auf Wochenenddienste und auf Arbeit an Feiertagen einzulassen.“

Tabea Linde, 26, promoviert am Institut für Inflammation und Neurodegeneration an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg zur Veränderung des Immunsystems im Alter und dessen Einfluss auf die Synapsen. Im Interview mit hochschul-job.de verrät sie, wie ihre Forschung abläuft, wie ihre Meinung zum kontroversen Thema „Tierversuche“ ist, wie ihr Forschungsvorhaben finanziert ist und was man mitbringen sollte, damit eine Promotion gelingt.

Tabea Linde – Foto: Manuel Zenker

Frau Linde, was verbirgt sich hinter den Begriffen „Inflammation“ und „Neurodegeneration“?

Linde: Bei uns liegt der Schwerpunkt einerseits auf der Inflammation, also auf Entzündungen, die in unserem Fall im Speziellen im Gehirn ablaufen. Wir haben aber auch Thematiken, die befassen sich mit der Inflammation, die in der Peripherie stattfindet, also im Körper, bevor die Entzündung das Gehirn erreicht. Der zweite Schwerpunkt ist die Neurodegeneration. Diese beschreibt die Prozesse, die zum Schwinden von Nervenzellen des Zentralen Nervensystems führen. Der Fokus unserer Forschungsarbeiten vereinbart beide Schwerpunkte miteinander. So analysiere ich zum Beispiel die Kommunikation von Immunzellen des angeborenen Immunsystems mit den Zellen des Zentralen Nervensystems während einer Infektions-bedingten Neuroinflammation.

Wie sah Ihr bisheriger Werdegang aus?

Linde: Im Bachelor habe ich angewandte Biologie studiert mit einem Doppelabschluss in den Niederlanden. Meinen Master habe ich in Göttingen gemacht, im Bereich der molekularen Medizin. Dort habe ich bereits am Toxoplasma gondii-Modell gearbeitet und bin dann auf die Arbeitsgruppe in Magdeburg aufmerksam geworden. Hier am Institut habe ich meine Masterarbeit angefertigt und bekam nachfolgend das Angebot zu promovieren.

Worum dreht sich Ihre Forschung konkret?

Linde: Im Großen und Ganzen dreht sich mein Forschungsthema um die Immunoseneszenz. Das sind die Veränderungen des Immunsystems, die im Alter auftreten. Unter Anwendung des Toxoplasma gondii-Modells schaue ich mir unterschiedliche Aspekte der Neuroinflammation an. Ich möchte herausfinden, ob oder was für Unterschiede diese Immunoseneszenz auf die Veränderung der Synapsen im Alter haben kann. Im Zentrum steht die Fragstellung, ob es einen negativen Einfluss gibt, sodass zum Beispiel neurodegenerative Krankheiten, wie Alzheimer, einen noch schlechteren Ausgang haben oder, ob es da keine merkbaren Differenzen gibt.

Was fasziniert Sie an Ihrem Forschungsvorhaben besonders?

Linde: Durch die Fortschritte in der Medizin leben wir in einer immer älter werdenden Gesellschaft und von daher hat mein Thema mehr Aktualität denn je. Die Forschung zu neurodegenerativen Krankheiten nimmt zwar immer mehr zu, aber es gibt gleichzeitig vieles, was ungeklärt ist. Das Immunsystem besitzt jeder Mensch und es spielt einfach in allen Dingen eine wichtige Rolle für unsere Gesundheit. Da möchte ich ein bisschen Licht ins Dunkel bringen, wieso es einigen Menschen im Alter schlechter geht als anderen und herausfinden, warum sich Zellen so verhalten, wie sie es eben tun.

Spielt Theoriemüdigkeit für Sie eine Rolle?

Linde: In der Grundlagenforschung ist es insofern schwierig, als dass man nicht immer das Ziel unmittelbar vor Augen hat. Wenn man beispielsweise in einer Klinik eine klinische Studie durchführt, dann weiß man, was man für einen Endpunkt hat. In der Grundlagenforschung ist das eher offen gehalten und man muss flexibel an die eigenen Forschungshypothesen rangehen. Das heißt, man muss stets auf dem neuesten Stand der Literatur sein und sich kontinuierlich belesen. Man muss gegebenenfalls das eigene Thema oder die Versuche anpassen, falls ein Paper bereits in die eigene Forschungsrichtung geht und gerade frisch publiziert wurde oder gar den eigenen Forschungsansatz widerlegt. Ich finde nicht, dass es schwieriger ist sich zu motivieren, sondern es macht es eher interessanter in der Grundlagenforschung drinzubleiben, weil man sich immer flexibel anpassen kann aber auch muss.

Wie läuft Ihre Forschung ab?

Linde: Ich arbeite am Tiermodell und dadurch sind die Versuche relativ komplex und groß. Wir benötigen viele Mitarbeiter:innen, um unsere Experimente umzusetzen. Also Teamarbeit ist bei uns ein großer und wichtiger Punkt, der auch super gelingt. Der Ablauf eines Experimentiertages ist folgendermaßen: Am Morgen fangen wir damit an die notwendige Anzahl von Versuchsmäusen zu töten und entnehmen ihnen dann die Organe. Bei uns wird vordergründig das Gehirn entnommen, aber auch periphere Organe, wie die Milz oder das Blut, welche wir dann aufarbeiten, um die Zellen aus dem Organgewebe gewinnen zu können. Da dieser Isolationsprozess sehr zeitaufwendig ist, fangen wir meistens zwischen sechs und halb sieben am Morgen an und arbeiten bis in den frühen Abend. Dann besteht die erste Möglichkeit, eine Unterbrechung im Arbeitsablauf vorzunehmen, um am nächsten Tag mit dem Experiment abzuschließen, bevor mit der Auswertung der gewonnen Daten begonnen werden kann.

Tierversuche sind ein viel diskutiertes Thema – Wie ist Ihre Meinung diesbezüglich?

Linde: Natürlich ist das nicht nur im Freundeskreis ein kontroverses Thema. Aber Wissenschaftler:innen, mich eingeschlossen, die regelmäßig Tierexperimente durchführen, wissen wie viele Richtlinien und Regularien hinter dieser Art von Versuchen stehen. Die Mäuse werden täglich strikt begutachtet. Dabei richten wir uns nach bestimmten Kriterien, sodass ausgeschlossen werden kann, dass die Tiere leiden. Sollte es dennoch dazu kommen, dass ein Tier leidet, wird es sofort aus dem Versuch herausgenommen. Daher ist es für mich vertretbar Tierexperimente durchzuführen. Da wir uns in unserer Forschung mit dem kompletten Organismus beschäftigen, wäre es nicht möglich dies im Reagenzglas nachzustellen. Es gibt natürlich Annäherungsversuche, in denen ein, zwei oder drei Zelltypen miteinander co-kultiviert werden, aber es ist etwas anderes, wenn man den ganzen Organismus vor sich hat und der miteinander interagiert.

Lassen sich die Ergebnisse aus den Tierversuchen dann auf den menschlichen Organismus übertragen?

Linde: Man kann in gewissem Maße eine Übertragung vornehmen. Natürlich ist das Mausmodell kein Ersatz für den Menschen und man muss da sehr vorsichtig sein, wenn man Parallelen ziehen will.

Welche Tätigkeiten bestimmen Ihren Arbeitsalltag abseits der Forschung?

Linde: Institutsintern müssen Tierversuchsanträge geschrieben, überarbeitet und eingereicht werden. Diese Genehmigungen für Experimente stehen auf meiner To-Do-Liste. Dafür muss ich mich mit den Regularien des Landes und dem Tierschutz auseinandersetzen. Darüber hinaus habe ich das Privileg meine Promotion in einem Graduiertenkolleg machen zu können. Wir haben beispielsweise eine internationale Konferenz realisiert, die Ende März in Magdeburg stattfand. Hierbei war ich in viele der wichtigen organisatorischen Schritte, wie zum Beispiel in die Einladung von Professor:innen, involviert, die zu einem erfolgreichen stattfinden des Events beitrugen. Ein weitere Tätigkeit, die in meinen Aufgabenbereich fällt, ist die Betreuung von Masterstudierenden und Praktikant:innen.

Wie ist das Verhältnis zu Ihrer Betreuerin?

Linde: Das Verhältnis zu meiner Betreuerin ist gut; sie ist jeden Tag für uns erreichbar. Sie steht uns zur Seite, wenn wir neue Ergebnisse vorzeigen oder präsentieren möchten und erkundigt sich auch aktiv nach dem aktuellen Stand unserer Forschungsprojekte. Einmal wöchentlich haben wir zudem ein Labormeeting, bei dem jeder/jede erzählt, was die Pläne für die Woche sind und im Wechsel stellt ein/e Kolleg:in an diesem Termin den Fortschritt der eigenen Forschung vor. Zudem haben wir noch einen Journal Club, in dem wir uns über die aktuelle Forschung austauschen und diskutieren.

Wie finanziert sich Ihr Forschungsprojekt und wie finanzieren Sie Ihr tägliches Leben?

Linde: Mein Forschungsprojekt, welches unter der Research Training Group 2413 „SynAGE“ mit den Projekten der anderen PhD Student:innen zusammengefasst ist, wird durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert. Das heißt es ist eine Drittmittelförderung. Die DFG stellt die Personal-, Material- und Reisekosten sowie Geld für Publikationen zur Verfügung. Darüber hinaus habe ich einen Arbeitsvertrag mit der Otto-von-Guericke-Universität als Angestellte des öffentlichen Dienstes. In meinem Arbeitsvertrag ist aber klar vermerkt, dass ich drittmittelfinanziert bin. Das heißt, wenn die Drittmittel auslaufen, läuft mein Arbeitsvertrag ebenfalls aus.

Muss man sich für diese Drittmittelförderung separat bewerben oder hängt das mit dem Projekt zusammen?

Linde: Ich bin als Nachzüglerin in mein Thema reingerückt, daher war ich in den Initialprozess und in das Einreichen der Projektidee gar nicht so stark involviert. Das Projekt an sich war bereits genehmigt, sodass ich lediglich mein eigenes Projektproposal nachreichen musste, um zu spezifizieren in welche Richtung ich gehen möchte. Es gibt Drittmittel, die für einen bestimmten Themenbereich ausgeschrieben sind. Bei uns im Graduiertenprogramm geht es grob gesagt um die alternde Synapse und die kognitiven Veränderungen, die im Alter stattfinden. Wir haben hier 13 verschiedene Projekte, die sich alle mit diesem Thema befassen. Die Finanzierung wird also für das Oberthema ausgeschrieben und man kann dann seine eigene Projektidee für dieses Thema einbringen. Allerdings durchläuft nicht jede Projektskizze einen erfolgreichen Drittmittelantrag.

Gäbe es die Möglichkeit die Förderung und den Arbeitsvertrag zu verlängern, wenn Sie merken, dass Sie mehr Zeit für die Forschung benötigen?

Linde: Aktuell weiß ich, dass es die Möglichkeit auf Verlängerung der Förderung gibt, was auch ein wenig mit der Corona-Pandemie zusammenhängt, da wir wirklich Schwierigkeiten durch Lieferengpässe hatten, die unsere Forschung hinausgezögert haben. Wenn triftige Gründe vorliegen, wird auch ein Weg gefunden, dass man finanziert zu Ende promovieren kann.

Wieso haben Sie sich für die Promotion entschieden? Was war Ihr Antrieb zu diesem Schritt?

Linde: Ich würde sagen, mein eigener Ehrgeiz und ich denke auch, dass der Doktortitel einen gewissen Mehrwert für den späteren Berufsweg im Bereich der Biologie mit sich bringt. Ich halte mir meinen persönlichen Berufsweg noch offen, aber durch den Doktor stehen mir einfach mehr Optionen zur Verfügung. Ich war nach dem Master der Ansicht, dass ich weiterhin in der Forschung bleiben möchte und daher der Schritt in die freie Wirtschaft noch nicht in Frage kam. Das Thema der Promotion hat mich interessiert, das Angebot hat zu dem Zeitpunkt gestimmt und auch mit dem Graduiertenprogramm in Verbindung ist das einfach eine super Möglichkeit für mich gewesen.

Sie können sich also eine Karriere in der Wissenschaft und in der Wirtschaft vorstellen?

Linde: Genau. Es ist nicht einfach in der Wissenschaft, da die Stellen rar sind, insbesondere wenn man an eine Professur denkt. In welche Richtung mein weiterer Weg geht, wird sich nach der Promotion zeigen.

Was muss man Ihrer Meinung nach an persönlichen Eigenschaften mitbringen, damit die Promotion gelingt?

Linde: Sehr viel Eigeninitiative, Motivation und auch Flexibilität, um sich auf lange Versuchstage, auf Wochenenddienste und auf Arbeit an Feiertagen einzulassen. Wie gesagt, unsere Tiere müssen täglich begutachtet werden, auch am Samstag oder Sonntag. Das heißt, eine richtige Arbeitswoche und fixe Arbeitszeiten, wie in anderen Berufsfeldern, gibt es bei uns nicht. Ich lese auch viel nach der Arbeit zuhause und von daher braucht man sehr viel Eigeninitiative und Willenskraft, um dabeizubleiben und seine Motivation zu behalten.

Würden Sie eine Promotion an Masterstudierende weiterempfehlen?

Linde: Man muss ganz klar für sich selbst abwägen, ob die Forschung das Richtige ist. Möchte man selbst neue Forschungshypothesen entwickeln oder möchte man, überspitzt gesagt, etwas abarbeiten und mehr Routinearbeiten und Diagnostik erledigen? Wenn da die Antwort eher in den Bereich fällt ‚ach, ich muss nicht jeden Tag neu über mein Thema nachdenken, sondern ich fände es gut jeden Tag fixe Aufgaben zu haben‘, dann würde ich von der Promotion abraten. Aber wenn man Lust hat ein bestimmtes Thema weiterzuentwickeln und eigene Ideen vorantreiben will, dann lohnt sich die Promotion auf jeden Fall. Um festzustellen ob einem das Forschen liegt, bieten sich Laborpraktika und natürlich die Anfertigung der Bachelor- und Masterarbeit prima an.

Würden Sie diesen Schritt wieder gehen?

Linde: Ich denke ja, auch wenn es immer mal wieder Punkte gibt, an denen man sich fragt, ‚warum habe ich das gemacht?‘. Und natürlich läuft nicht immer alles rund, aber ich glaube, dass das jeder/jede Promotionsstudent:in kennt. Wenn man es dann wieder aufs große Ganze relativiert, weiß man, dass man es gerne macht.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Linde: Definitiv mit abgeschlossenem Doktortitel, gerne auch schon vor in zehn Jahren (lacht). Ich hätte ein großes Interesse einerseits in der Forschung zu bleiben, andererseits könnte ich mir aber auch vorstellen, den Aspekt der Lehre auszubauen. Wenn es mit einer Habilitation an der Universität nicht klappen sollte, könnte ich mir auch vorstellen an einer Hochschule zu arbeiten und dort mehr Balance zwischen eigener Forschung und Lehrveranstaltungen zu finden. An Hochschulen ist es möglich auch ohne Habilitation, sondern mit abgeschlossener Promotion und einigen Jahren Berufserfahrung, eine Professur auszuüben. Zudem spielt Praxisnähe an Hochschulen eine größere Rolle, was mir gut gefällt. Sollte ich mich in zehn Jahren entschieden haben, dass ich nicht mehr jeden Tag im Labor stehen möchte, dann könnte ich mir auch gut vorstellen, dass es in die Richtung von Studienkoordination oder Betreuung von Promovierenden im Graduiertenprogramm gehen könnte.

Das Gespräch führte Redakteurin Carolin Heilig am 03.06.2022.

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